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06.05.2022 - wortschatz-blog.de

My Son the Fanatic: Was bedeutet eigentlich “fanatic”?

Danny_Hawkwood | PixabayDie Kurzgeschichte “My Son the Fanatic” erschien erstmals 1994 in der New York Times. Ihr Autor ist Hanif Kureishi, britischer Schriftsteller und Filmemacher. Seine Familie stammt aus England, Pakistan und Indien. 2008 wurde Kureishi von der Times als einer der 50 größten britischen Autor*innen ausgezeichnet. Seine wohl bekannteste Kurzgeschichte “My Son the Fanatic” ist empfohlene Lektüre für Englischkurse der gymnasialen Oberstufe und häufig Abiturthema im Themenkomplex Migration/Kultur in Grund- und Leistungskursen. Darum geht es in „My Son the Fanatic“
Der Protagonist Parvez ist Taxifahrer in London und beobachtet bei seinem Sohn Ali ein verändertes Verhalten: Ali verkauft seine Computerspiele und Gitarre, hält sein Zimmer auffallend ordentlich, bleibt dem Sport fern, trägt Bart, betet häufig und bricht Kontakte zu Freunden ab. In einem Gespräch wirft er seinem Vater vor, er befolge islamische Regeln nicht genügend. Ali hingegen wolle für den Islam kämpfen und sei bereit zu sterben. Zuletzt beleidigt Ali seinen Vater und dessen gute Bekannte aufgrund ihrer Arbeit als Prostituierte. Parvez schlägt seinen Sohn – der daraufhin fragt, wer denn nun der Fanatiker sei. Wörterbucharbeit nach dem Schneeballprinzip
Die Frage: “So, who’s the fanatic now?” kann Aufhänger einer Wortschatz-, Wörterbuch- und Analyseeinheit zur Geschichte sein. Wie beantwortet man sie? Eine Möglichkeit ist, sich ähnlich wie beim Schneeballprinzip von Wortdefinition zu Wortdefinition zu hangeln und zu den Schlüsselbegriffen Nachweise in der Geschichte zu finden. Wer “fanatic” nachschlägt, erhält in einsprachigen Lexika zum Beispiel folgende Definitionen: (bspw. Oxford Advanced Learner’s Dictionary, Merriam Webster, Cambridge English Dictionary) DISAPPROVING a person exhibiting excessive enthusiasm and intense uncritical devotion toward some controversial matter (as in religion or politics) DISAPPROVING holding, expressing or connected with extreme or dangerous opinions (fanatic followers of the cult leader, fanatic ideology. Fanatic about something: He’s fanatic about his religious beliefs. a person filled with excessive and single-minded zeal, especially for an extreme religious or political cause. a person who has very extreme beliefs that may lead them to behave in unreasonable or violent ways Zwar findet sich auch die letzte der vier Definitionen des Wortes, jedoch kann im Unterrichtsgespräch schnell ausgeschlossen werden, dass diese Bedeutung der Frage zugrunde liegt. Hier zeigt sich eine gute Gelegenheit, Wörterbucharbeit gemeinsam zu betrachten. INFORMAL a person with an obsessive interest in and enthusiasm for a particular activity. "a fitness fanatic" Aus den ersten Definitionen ergeben sich weitere Fragen: Was genau ist excessive? Was genau ist intense uncritical devotion? Was ist controversial? Was bedeutet single-minded? Und was ist extreme, was violence? Die Lernenden werden aufgefordert, auch diese Begriffe nachzuschlagen und Beispiele aus der Kurzgeschichte für solches Verhalten mit direkten und indirekten Zitaten zu belegen. Definition Example from the short story (or: no proof) Ali/Parvez excessive enthusiasm     Ali Parvez intense devotion uncritical devotion controversial matter single-minded zeal extreme religious or political beliefs unreasonable behaviour (verbal/physical) violence Vom Wortschatz zur Erzählperspektive
Im Anschluss an die Übung wird sich zeigen, dass wir mehr über Ali erfahren als über seinen Vater. So können wir auf das Thema Erzählperspektive zu sprechen kommen. Auch können wir hier zeigen, üben und vertiefen, wie sich indirekte und direkte Zitate unterscheiden. Da wir Parvez‘ Erzählperspektive verfolgen, sind Zitate über Ali direkt, während wir Parvez nur indirekt charakterisieren können. Die Kurzgeschichte ist in Text- und Materialsammlungen von Reclam und mehreren Schulbuchverlagen erschienen. In den Annotationen finden sich hilfreiche Vokabeln, die für die Wortschatzarbeit ins Zentrum gerückt werden können, im Unterricht allerdings teilweise wenig Beachtung finden. Schlüsselbegriffe können die Analyse, wessen Verhalten fanatisch ist, unterstützen – am besten in Frageform. Which surreptitious behaviour is displayed by the characters? Which attitudes to the protagonists show towards each other? Can the question “Who is the fanatic now?” be answered conclusively? In how far do the protagonists show eccentricity? Is there any lewd behaviour that can be noticed? Is one of the characters doing something extremely scrupulously? Who condemns the other’s behaviour? All diese Begriffe helfen, die übergeordneten Fragen zu beantworten: How do they communicate with each other? Which words describe the tone of their conversations? Dazu könnten weitere Vokabeln hilfreich sein: condemning – castigate – reproach – reluctantly – friendly – grave – elicit – open-minded – caring – reproach – sullen – judgemental – interested – brusque – pitiless – forgiving – suspicious – supportive Nicht alle Lernenden müssen alle Fragen beantworten. Die Fragen können beispielsweise zugelost oder ausgesucht werden. Wenn jede Person zwei Fragen beantwortet, können im Anschluss Walk & Talk-Gespräche stattfinden, bei denen die Antworten ausgetauscht und die neuen Vokabeln erklärt werden. Eltern-Kind-Beziehung einordnen
Das neue Vokabular kann zur Festigung auf einer Übersicht zwischen den Polen „Zugewandte Eltern-Kind-Beziehung“ und „Feindliche Eltern-Kind-Beziehung“ eingetragen werden. Natürlich gibt es dabei Raum für Subjektivität. [caption id="attachment_5221" align="aligncenter" width="960"] Auf einer Linie zwischen zwei Polen tragen die Schülerinnen und Schüler die neuen Vokabeln ein.[/caption] Einen Brief an die Protagonisten schreiben
Zuletzt können die Lernenden ihre Ansichten zum Vater-Sohn-Verhältnis in einem Brief zum Ausdruck bringen. Sie haben dabei die Wahl, wer wem schreibt: der Vater dem Sohn, der Sohn dem Vater oder eine außenstehende Person an einen Protagonisten. Sie können sich zunächst überlegen, in welche Richtung sie das Verhältnis durch ihren Brief beeinflussen möchten und können zehn neue Vokabeln auswählen, die in diesem Brief eine Rolle spielen sollen. [caption id="attachment_5218" align="aligncenter" width="650"] Dear Ali – Brief an einen Protagonisten[/caption] Langsame Hinführung und Hilfen für die Lerngruppe
Sollte die Lerngruppe mit sehr freien Aufgaben noch überfordert sein, können die nachfolgenden Aufgaben auch als Hinführung oder Alternative eingesetzt werden: When first reading the short story, underline the ten sentences that stand out most for you. In addition, highlight ten central words that can represent the story. Which changes does Parvez notice in his son Ali’s behaviour? Make a drawing of Ali in his room before and after the change and add quotes to the drawings. [caption id="attachment_5225" align="aligncenter" width="500"] Zwei Bilder zum Vervollständigen. Früher herrschte hier Unordnung ...[/caption] [caption id="attachment_5224" align="aligncenter" width="500"] später "verdächtige" Ordnung.[/caption] “Like [Parvez] most of the other drivers were Punjabis.”– Do some research on Punjabi identity and culture. [caption id="attachment_5220" align="aligncenter" width="500"] Punjab Map (von Ktims aus der englischsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0)[/caption] Which roles do men and women play in the short story? (Give lines when you use indirect and direct quotes.) Parvez finds it difficult to talk to his colleagues because… They tell him to… In the short story women… The English girlfriend… The ‘brasses’… Parvez’ wife… Bettina… Analyse Parvez’s behaviour when he suspects that something is weird in “the boy’s” life. “Insolent”, “winced”, “made a fastidious face”, “a horrible look on his face, full of disgust and censure. It was as if he hated his father.” … Explain how the word choice characterizes the father’s view on his son. “You are too implicated in Western civilization …” – Analyse the use of direct and indirect speech. Who gets to speak? What is the effect on the reader? Parvez’s wife is mentioned twice in the story. Both times the same term is used to describe the way Parvez speaks to her. Which other words could have been used? What does this show about Ali’s parents’ relationship? Discuss in how far Parvez deals well with his son’s radicalization. “So who’s the fanatic now?” Discuss in how far the point of view of the narration influences the answer to the question. Re-write one paragraph of the short story from Ali’s point of view. Choose ten words from the annotations, familiarize yourself with their meaning and turn them into a five-sentence short story or a five-line poem.

13.12.2021 - wortschatz-blog.de

Mais tous les ados sont comme ça – Sprechanlässe mit Comics im authentischen Kontext

Dienstagmorgen, 8:00 Uhr
Es klingelt! Motiviert und mit vollem Elan mache ich mich auf den Weg in meinen Kurs der Einführungsphase. 16 Schülerinnen und Schüler erwarten mich zu unserem Französischunterricht. Wohlwissend, dass die Uhrzeit bei den 15-Jährigen eher eine einschläfernde Wirkung hat, überlegte ich mir bereits am Wochenende – eine hoffentlich – zielführende Aktivitätsstrategie. Und zwar: Mache dir den wirklich realen Teenageralltag zunutze und zeige Konfliktsituationen mit den Eltern auf, in denen jeder aus dem Kurs schon einmal gesteckt hat. Damit ist gemeint: Müll rausbringen, schlechte Noten, unaufgeräumte Zimmer, Dreckwäsche im Zimmer usw. Mit einem Schmunzeln im Gesicht starte ich die Unterrichtseinheit und schaue in die schläfrigen Gesichter meines Kurses. "Konfliktsituationen schaffen"
Die Schülerinnen und Schüler erhalten als Einstieg das Titelbild der BD „Mais tous les ados sont comme ça“ von Jim & Rudowski, das bereits eine konfliktreiche Situation aus dem Teenageralltag zeigt und somit das Interesse des Kurses wecken soll. Da die Lerngruppe im Rahmen der kommunikativen Kompetenz "Sprechen" zurückhaltender ist, bekommt sie Arbeitsblatt 1. Mit diesem kann jede/r Lernende sich zunächst in Einzelarbeit Notizen machen, um diese anschließend mit dem/r SitznachbarIn auszutauschen. Die Ergebnisse sind sehr vielschichtig und werden stets mit einem Kichern vorgetragen. Treffer! Die SchülerInnen fangen an, sich mit dem Thema zu identifizieren, sodass die zweite Aufgabe des Arbeitsblattes folgen kann. In dieser werden sie dazu angehalten, eine eigene Alltagssituation mit ihren Eltern zeichnerisch dazustellen und stichpunktartig zu beschreiben. Die anschließende Präsentation bewirkt ein hohes Maß an Aktivität und führt an vielen Stellen zu Gelächter. [caption id="attachment_5050" align="aligncenter" width="350"] Arbeitsblatt 1: Hinführung zum Thema "Konflikt mit den Eltern" (Download unter dem Artikel)[/caption] Wortschatz muss her!
Erfreut über die rege Beteiligung gehe ich über zur Festigung der bisherigen situativen Sprechanlässe und zum Wortschatzaufbau. Nachdem Arbeitsblatt 2 und die iPads ausgeteilt sind, erfolgt die Erarbeitung der Aufgaben in Kleingruppen. Mit Hilfe von GoodNotes erstellen die SchülerInnen die Associogrammes, die im Anschluss im IServ-Gruppenordner des Kurses hochgeladen werden. Es klingelt, die Stunde ist vorbei und der Kurs verlässt gut gelaunt den Raum. Dies liegt wohl auch daran, dass es keine Hausaufgaben gibt, da wir uns am nächsten Tag wiedersehen, und zwar um 8:00 Uhr! [caption id="attachment_5052" align="aligncenter" width="350"] Arbeitsblatt 2: Associogramme (Download unter dem Artikel)[/caption] Parler et jouer…
Der nächste Tag. Nach der Reaktivierung des thematischen Kontextes, in der der Kurs bereits verinnerlichte Vokabeln anwenden konnte, zeige ich ein Associogramme. Es beinhaltet eine (korrigierte) Zusammenfassung der am Vortag erarbeiteten Wortschatzergebnisse der Kleingruppen. Viele Vokabeln kommen mehrfach vor, das Gesamtergebnis ist übersichtlich und gut einsetzbar. Ausgerüstet mit einem themenspezifischen Wortschatz geht es nun weiter. Ich verkünde dem Kurs, dass sie nun Dialoge vorbereiten und anschließend vortragen müssen. Die gute Stimmung der gestrigen Stunde verschwindet unmittelbar. Um der Demotivation entgegenzuwirken, erkläre ich den SchülerInnen, dass sie die Dialoge mit Hilfe der antisèche-Methode (Spickzettelmethode) vorbereiten dürfen. Ein Seufzen der Erleichterung geht durch den Kursraum, denn diese Vorgehensweise ist ihnen bereits bekannt. Anschließend erkläre ich den Arbeitsauftrag und teile Arbeitsblätter mit einzelnen Comic-Seiten aus, die Konfliksituationen darstellen. Den Text in den Sprechblasen habe ich entfernt. Die Comics stammen aus der bereits genannten BD und stellen Kontexte dar, die der Kurs bereits in der vorherigen Stunde genannt hat. Die situative Einbettung in Form eines Comics gibt den SchülerInnen Ideen für einen möglichen Dialogablauf. Erfahrungsgemäß erweist sich nur die Aufgabe „Préparez un jeu de rôle“ ohne Inspirationsinput als schwieriger, da die Lernenden schnell an ihre kreativen Grenzen kommen. Um maximale Transparenz zu schaffen, erhielt der Kurs bereits im Vorfeld einen Evaluationsbogen. Basierend auf den aufgeführten Kriterien (la parole, les acteurs, le contenu) erstellen die ArbeitspartnerInnen ihren Dialog. Selbstverständlich ist es auch unerlässlich, dass Requisiten Gegenstand des in der nächsten Stunde dargestellten Dialogs sind. Être un ado, c’est…
Das laute Lachen oder Kichern ist wieder da! Nach der Réfléchir-Phase beginnen die SchülerInnen, motiviert an ihren Dialogen zu schreiben. Unter Bezugnahme der sowohl analog als auch digital zur Verfügung gestellten Materialien manövrieren sich die ArbeitspartnerInnen in die Alltagssituationen. Besonders schön zu sehen ist, dass es zu einem regen Austausch kommt, als es um die passenden Requisiten geht. Ich bin also sehr gespannt auf die nächste Stunde und die kreativen Dialoge. Ich beschreibe an dieser Stelle die Durchführung und die Evaluation nicht ausführlich, denn jede/r FremdsprachenlehrerIn hat bereits diese Phasen durchgeführt und entsprechende Erfahrungen gemacht. Zu betonen ist allerdings, dass mein Kurs sowohl in der Vorbereitung, Durchführung und Evaluation des Dialoges viel Freude, ein großes Engagement und eine rege Beteilung zeigte. Neben der Förderung des Sprechens und dem (temporären) Abbau der Sprechangst durch die Antisèche-Methode habe ich mein Ziel erreicht – eine aktive Teilnahme in den ersten beiden Stunden. Download Arbeitsblatt 1 (Word-Dokument) Arbeitsblatt 2 (Word-Dokument)   Beitragsbild: fotolia #118984628 | Urheber: designer_things

04.11.2021 - wortschatz-blog.de

Mündlichkeit fördern im Distanz-Fremdsprachenunterricht

Luisella Planeta Leoni | Pixabay Wie alles begann …
März 2020: Meinen Französischkurs hatte ich bereits in der Einführungsphase (Klasse 10) im Schuljahr 2019/2020 durch den Distanzunterricht manövrieren müssen. Dies war der erste Lockdown und an meiner Schule gab es noch keine Möglichkeit,  datenschutzkonforme Videokonferenzen durchzuführen. Mit Arbeitsblättern, Telefongesprächen und E-Mails versuchte ich, den Kontakt zu den SchülerInnen aufrechtzuerhalten und jedem Einzelnen – sofern es mir zeitlich möglich war – eine angemessene Rückmeldung zu geben. Immer wieder stellte ich mir damals die Frage, wie ich es schaffen könnte, die Lerngruppe trotz der Umstände nachhaltig mit neuem Wortschatz zu versorgen. Das war keine leichte Aufgabe, denn ich konnte nie sicher sein, wie sich der Wortschatz der einzelnen Lernenden erweitern würde. Eine aussagekräftige Überprüfung war ja leider nicht möglich. Unter anderem hatte ich versucht, die Wortschatzerweiterung anzustoßen mit Aufgabenstellungen, die sich auf Wortfamilien (la politique – politique (adj.)), Lückentexte (Lisez les phrases ci-dessous et complétez-les par des mots ou expressions du texte.) oder auf das anschließende Umschreiben von Wörtern bezogen. Zurück im Präsenzunterricht war meine Hoffnung groß, dass es so nun bleiben wird und die Zeiten des Distanzunterrichts vorbei sind. Auf ein Neues!
Dezember 2020: Die Nachricht, dass es in den zweiten Lockdown geht, hat keinen so richtig überrascht. Also, mich zumindest nicht … Inzwischen war mein Französischkurs in der Qualifikationsphase 1 (Q1) und ich wusste, mit welchen unterschiedlichen Distanzlernern ich zu tun habe. Durch die neue Kommunikationsmöglichkeit, das IServ-Videokonferenzmodul, standen mir nun ganz andere Unterrichtsansätze offen. Ich konnte (digitalen) Unterricht machen und alle meine SchülerInnen sehen und sprechen hören. So zumindest in der Theorie! Serverprobleme und technische Schwierigkeiten seitens einzelner SchülerInnen durchkreuzten zunächst meine Pläne. Darauf eingestellt, plante ich die Wochen bis zur nächsten Leistungsüberprüfung, die in Form einer mündlichen Prüfung stattfand. Der Tatsache geschuldet, dass diese in der Einführungsphase ausgefallen war, stand die Lerngruppe nun vor einer neuen Herausforderung, die ihr durchaus Magengrummeln bescherte. Ich plante und hoffte mit meinen Aufgaben, den SchülerInnen dennoch Zuversicht zu vermitteln. Thematisch hatten wir bereits die Seconde Guerre Mondiale abgeschlossen und befanden uns nun in der Relation franco-allemande ab 1945. Im Präsenzunterricht vorab hatten wir bereits einen thematischen Wortschatz erarbeitet (Wordclouds sowie Themenblätter, Wortschatzdossiers) und diverse Vokabellisten ausgeteilt, die es nun galt zu lernen. Die Überprüfung fand dann en passant in den Videokonferenzen statt. So habe ich beispielsweise kurze Sprechanlässe geschaffen, in dem ich Fotos wichtiger Persönlichkeiten (beispielsweise Konrad Adenauer, Charles de Gaulle etc.) gezeigt habe und die Lerngruppe mithilfe der gelernten Vokabeln erklären sollten, welche Rolle dieses couple im Kontext der Deutsch-Französischen Freundschaft spielte. Ich erhoffte mir so eine aktive Festigung des Wortschatzes. Denn sind wir mal ehrlich: Trotz Videomodul über IServ blieb es oft eine passive Wortschatzerweiterung, die eher schwerfällig in einer aktiven Auseinandersetzung mündete. Viele der SchülerInnen waren zurückhaltender als im Präsenzunterricht. Vocaroo zur Förderung der Mündlichkeit
Ich bot meinem Kurs im Laufe der kommenden Zeit immer wieder die Möglichkeit an, mir Audiodateien zukommen zu lassen. Das Angebot wurde gerne angenommen, sodass ich anschließend mit der Auswertung diverser Resümees, Meinungsäußerungen, Bildbeschreibungen usw. beschäftigt war. Die SchülerInnen reichten mir ihre Dateien über Vocaroo ein – meiner Meinung nach ein sinnvolles Tool, um unkompliziert Audiodateien zu versenden. An dieser Stelle sei aber hinzuzufügen, dass die Lernenden bei der Verwendung den eigenen (und auch andere) Klarnamen vermeiden sollten, um dem Datenschutz gerecht zu werden. Meine an festen Kriterien orientierte Rückmeldung erhielten sie ebenfalls per Vocaroo. Ich erhoffte mir so, dass der Kurs weiterhin für die französische Sprache sensibilisiert bleibt. Dann war der Tag der mündlichen Prüfung da  – und kurz gesagt: Meine SchülerInnen haben diese für die Umstände sehr gut gemeistert. Ich könnte jetzt noch vieles mehr zum Distanzunterricht schreiben, allerdings wäre das Fazit stets gleich. Ziemlich schnell wurde mir nämlich als Fremdsprachenlehrerin klar, dass das Lehren einer Sprache über digitale Medien nicht vergleichbar mit dem realen Unterricht ist. Deshalb habe ich mich entschieden, nicht mehr permanent dem Einhalten des Kernlehrplans hinterher zu hecheln. Stattdessen habe ich versucht, das Interesse der SchülerInnen an der französischen Sprache aufrechtzuerhalten. Ob ich das geschafft habe? On verra.   Beitragsbild: Luisella Planeta Leoni auf Pixabay

15.10.2021 - wortschatz-blog.de

Der ganze Körper antwortet: Tieryoga als Stundenbeginn

Es war einmal … die Total Physical Response (TPR), ein Klassiker der Fremdsprachendidaktik. “Stand up! Sit down! Open your book!” Alle, die in den 70er Jahren und danach in der Schule Fremdsprachen gelernt haben, erinnern sich vermutlich. Sprachvermittlung trifft Bewegung, der ganze Körper ist involviert. Die Schulklasse steht gemeinsam auf, setzt sich, legt etwas auf den Tisch, sagt etwas. Auch meine erste Englischstunde sah so aus. Ich war zehn, es war 1992. Englisch kannte ich vorher nur aus ein paar kleinen Übungsstunden mit Papa und als Hintergrundgeräusch aus dem Radio. Ein bisschen hat es mir damals Angst gemacht, als der sonore Herr an der weiterführenden Schule mit Cordjacket, wenig Haar und großen Ohren mich (und den Rest der Klasse) zu Bewegungen aufforderte, die ich noch nicht verstand. Aber die Angst verging schnell. Als ganze Klasse fanden wir heraus, was er von uns wollte und wir standen brav auf, setzten uns und taten nichts, wenn Simon es nicht gesagt hatte. Manchmal schielten wir auch nur zur Klassenbesten und machten nach, was sie tat. Das ist eine ganz gute Methode, um Schüler:innen erst einmal das aktive Zuhören zu ermöglichen, bevor sie selbst Sprache produzieren sollen. Sie haben dadurch schnell kleine Erfolgserlebnisse als Sprachenlerner:innen in der Gemeinschaft. So weit, so bekannt. Total Physical Response geht auch ohne Befehlssituation
Ein bisschen ist die Methode eingeschlafen – mit der tendenziellen Abkehr von der Lehrerzentrierung und dem Bewusstsein, dass solche “Befehlssituationen” dann doch auch eher geringen Lebensweltbezug haben und in der englischen Sprache auch richtiggehend unhöflich sind – außer vielleicht beim Militär. Spielerisch – wie bei “Simon says” – kommt TPR natürlich gelegentlich weiterhin zum Einsatz. Wenn nach und nach Schüler:innen die Rolle der Befehlsgebenden übernehmen, lässt sich die Lehrerzentrierung durchbrechen. Zur Einführung und Festigung von Wortschatz ist die Methode weiterhin gut geeignet. Nur, wie kommt man um die Befehlssituation herum? Ganz einfach, indem man statt Befehlen Anleitungen, Geschichten und weitere spielerische Elemente integriert. Was lieben viele Kinder besonders im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren? Tiere und Humor. Was würde ihnen für ihre Konzentration und Achtsamkeit guttun? Yoga, Atmung, achtsame Bewegungsabfolgen. Wie Tieryoga beim Vokabelnlernen hilft
Das Aktivkartenset “Fantastic Animal Yoga” kombiniert diese Aspekte. Und bietet sich damit toll als Einstiegs- und Erfrischungsritual an. Tiger, Flamingo, Schlange, Hund, Schweinchen, Löwe. Alle Lieblingstiere haben ihren Platz auf einer von 52 Karten, deren Überschrift den Tiernamen und ein Adjektiv oder Gerundium enthält. Es gibt zum Beispiel “The Drooling Dog”, “The Proud Piggy”, “The Lazy Lion”. Dazu gibt es kurze Beschreibungen, wie die Pose aussehen soll. [gallery columns="5" link="file" ids="5022,5026,5023,5025,5024"] Für die ersten Stunden können allein die Tierbezeichnungen verwendet werden (ohne beschreibenden Zusatz). Eine kleine Kartenauswahl (ca. 5-10) ist mehr als genug. Die Schüler:innen können eine freie Pose wählen, die das Tier repräsentiert. Wenn die Tiernamen sitzen, können die Adjektive und Gerundien hinzugefügt werden. In Teams können die Lernenden darstellen und erraten. Einer der Schlüssel beim Vokabellernen ist die häufige Wiederholung in unterschiedlichen Situationen. Mit den Karten ist das leicht möglich ohne, dass die Lehrkraft sich ständig etwas ausdenken muss. Tieryoga für Fortgeschrittene
Bei Ratespielen in Teams und Tandems können Tierlaute verwendet werden, Pantomime, Beschreibungen oder Zeichnungen. Sortieraufgaben wälzen das Gelernte um: Benennt die Säugetiere, Fische, Tiere, die im Wasser leben, die Vierbeiner, die Vögel oder die, die mit M beginnen. Fühlt Euch in die Yogapose ein. Erstellt eine eigene Karte. Entwickelt einen Dialog oder eine kurze Geschichte, indem ihr zwei Tiere aufeinandertreffen lasst. Verbindet zwei Tiere in einer Zeichnung und lasst die anderen raten, welche Geschöpfe verbunden wurden. Schreibt ein Lied über eines der Tiere. Unglaublich viele Aktivitäten können durch das Kartenset animiert werden. Etwa 30 sind im Vorfeld beschrieben. Vielleicht wollen die Kinder auch ein eigenes Set für den Schulhof, um quartettartig zu vergleichen, zu tauschen und Besonderheiten der Tiere zu recherchieren. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. 52 Karten und ihre Ergänzungen können Unterricht und Vertretungsstunden von der 4. bis zur 13. Klasse bereichern.   Beitragsbild: Here and now, unfortunately, ends my journey | Pixabay

31.08.2021 - wortschatz-blog.de

Back to business: neues Schuljahr, neue Schülerinnen und Schüler, neues Glück

Die Sommerferien in Schleswig-Holstein sind vorüber und das neue Schuljahr 2021/2022 hat begonnen. Ich gebe zu, das vorangegangene Pandemie-Schuljahr hatte ziemliche Spuren hinterlassen. Ich bin jedoch ein positiv eingestellter Mensch und schaue lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Außerdem versuche ich, in allem etwas Positives zu finden, anstatt das Negative dauernd wieder an den Pranger zu stellen. Somit kann ich dem vergangenen Schuljahr auch positive Aspekte abgewinnen (digitaler Unterricht ist möglich, kann zielführend und besser für bestimmte Schülerinnen und Schüler sein), die ich mit in das neue Schuljahr übernehmen werde. Andere Aspekte, wie die Leistungsstandbestimmung bei Schülerinnen und Schülern von anderen Schulen, sind nochmal deutlicher in den Fokus gerückt. Schlag auf Schlag mit den neuen Schülerinnen und Schülern
Jeder neue 11. Jahrgang an meiner Schule besteht aus einem Potpourri aus Schülerinnen und Schülern von den unterschiedlichsten Schulen. Somit stehe ich vor der Herausforderung, den Leistungsstand zu bestimmen. Das vergangene Schuljahr hat aber gezeigt, dass die Schulen ganz unterschiedlich mit der Unterrichtsversorgung/dem digitalen Unterricht umgegangen sind. Deshalb werde ich zu Beginn noch genauer herausfinden müssen, wie ausgeprägt die unterschiedlichen Kompetenzen meiner neuen Schülerinnen und Schüler in Englisch sind. Es geht mir aber nicht nur um die Bestimmung des Leistungsstandes, sondern auch um die Einführung des Unterrichtes, der digital abgebildet wird. Und es geht mir um die Vorbereitung auf eine mögliche erneute Homeschooling-Phase. Ich möchte, dass meine Schülerinnen und Schüler genau wissen, wie unser Unterricht dann ablaufen wird, und dass sie auch dann einen Lernerfolg erzielen werden. Es geht also gleich Schlag auf Schlag los im neuen Schuljahr. 1. Schlag: die Leistungsstandbestimmung – the old school way
Mit dem ersten Kennenlernen und Vorstellen – natürlich in der Fremdsprache – bekomme ich gleich einen ersten Eindruck der Aussprache der Schülerinnen und Schüler. Danach werde ich sie mit einem selbstkonzipierten Grammatiktest konfrontieren (ihr könnt ihn unter dem Artikel herunterladen). Selbstverständlich stelle ich von vorneherein klar, dass der Test nicht bewertet wird, sondern lediglich der Orientierung dient. Es handelt sich um ca. 40 Sätze, die die Schülerinnen und Schüler auf mögliche Fehler überprüfen und bei Bedarf korrigieren sollen. Dabei kommt ein Mix der unterschiedlichsten grammatikalischen Regeln vor. Natürlich sind auch nicht alle Sätze falsch. Somit bekomme ich einen Einblick, ob und wo mögliche Defizite liegen. Dann kann ich in den kommenden Monaten gezielt diese Defizite aufarbeiten, um sie gut auf das 12. Schuljahr vorzubereiten. [caption id="attachment_5008" align="aligncenter" width="500"] Mein Englisch-Grammatiktest für meine neue Klasse (Download unter dem Artikel)[/caption] 2. Schlag: das elektronische Wörterbuch
Die Einführung der Arbeit mit dem EX-word mache ich immer mit einer eigens von CASIO angefertigten Präsentation über die Funktionen des Gerätes. Außerdem gibt es von CASIO auch ein richtig gutes Begleitheft mit Übungsaufgaben, die ich bei Bedarf gerne einsetze, um die Handhabung zu festigen. Bei diesen Übungen geht es vor allem um die Wortschatzerweiterung mithilfe des EX-word. Die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes in Englisch, Kollokationen, idiomatische Redewendungen etc. können mit dem EX-word und dem Begleitheft geübt werden. Ich führe die EX-word-Geräte ein, bevor ich den Grammatiktest vergleiche, und lasse die Schülerinnen und Schüler den Test dann noch einmal durchgehen. Ihre Korrekturen unter Verwendung des elektronischen Wörterbuches lasse ich sie in einer anderen Farbe notieren. Damit kann ich auf einen Blick sehen, an welchen Stellen die Verwendung zu einem anderen Ergebnis geführt hat. 3. Schlag: der digital abgebildete Unterricht
Die Präsentation zu den Funktionen des EX-word stelle ich auch bei unserem Schulportal (Moodle) in dem jeweiligen Klassenkurs ein. Damit bin ich dann auch schon in der digitalen Abbildung des Unterrichtes. In den Klassenkursen finden die Schülerinnen und Schüler nicht nur organisatorische Unterlagen, sondern auch das Material jeder einzelnen Stunde, sowie Aufgaben, Abgabemöglichkeiten und Abgabekontrollen durch mich. Ich werde dieses Portal konsequent im neuen Schuljahr weiter nutzen – egal ob Präsenzunterricht oder Homeschooling. Im vergangenen Schuljahr habe ich es genauso gehandhabt und dafür am Ende des Schuljahres von mehreren Schülerinnen und Schülern ein sehr positives Feedback erhalten. Sie waren einstimmig der Meinung, dass so die Umstellung auf Homeschooling im Dezember nicht mehr so extrem für sie war und sie genau wussten, wie es ablaufen wird. Fazit: die gleiche Herausforderung mit größerem Fokus
Ich bin mir bewusst, dass das für einige Schülerinnen und Schüler gerade zu Beginn viele Neuerungen sein werden. Gleichwohl hat die Vergangenheit mir gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler sehr gut mit und in der digitalen Welt zurechtkommen. Sie lernen die Handhabung der EX-word Geräte unglaublich schnell und arbeiten sehr gerne damit. Einige werden Moodle schon kennen und die anderen werden sich schnell zurechtfinden, da bin ich sicher. Den aktuellen Leistungsstand zu erfassen war in der Vergangenheit und wird in der Zukunft sehr wichtig sein, damit an Defiziten in Klasse 11 gearbeitet werden kann. In diesem Jahr muss die Zeit genutzt werden, um in der Qualifizierungsphase (Klasse 12 und 13) keine Probleme zu haben. Die Digitalisierung unseres Unterrichtes wird, unabhängig davon, wo Schule stattfindet, eine wichtige Rolle in der Zukunft spielen. Hierzu gehören meiner Meinung nach auch die digitalen Wörterbücher. Wie geht Ihr das neue Schuljahr mit neuen Schülerinnen und Schülern an? Über einen Austausch würde ich mich riesig freuen. Download meines Grammatiktests: als Word-Dokument | als PDF   Beitragsbild: Innviertlerin | Pixabay

10.08.2021 - wortschatz-blog.de

Der Film „In the Heights“: Einstieg in die Themen Immigration und American Dream

Ich lehne mich weit aus dem Fenster: Was, wenn Lin-Manuel Miranda der moderne Shakespeare ist, nur besser? Sein Musical „Hamilton“ über die Zeit der amerikanischen Gründerväter war der Broadway-Erfolg der letzten Jahre, sein Soundtrack zu Disney's „Moana“ (deutscher Titel: „Vaiana“) heiter, clever und eingängig. Und nun erobert die Filmadaption seines Musicals „In the Heights“ die Kinos (es ist in Deutschland, aktuell nur auf Umwegen, auch online verfügbar). Es basiert auf dem Roman von Quiara Alegria Hudes und – ich lehne mich noch weiter aus dem Fenster – wird bei den Oscar Academy-Awards großzügig bedacht werden. Da wird das Unmögliche möglich gemacht: Ein Film voller Tiefe und guter Laune, musikalischem und choreografischem Genie, eine einmalige Verwebung von lateinamerikanischen Wurzeln und US-amerikanischer Umgebung. Unterhaltung und Tiefgang – das ganze Paket (auch wenn anzumerken ist, dass der Film kritisiert wurde, da die Hauptdarsteller:innen sehr helle Haut haben und damit lateinamerikanische Immigrant:innen mit dunklerer Haut ausblenden). [embed]https://youtu.be/U0CL-ZSuCrQ[/embed]   Für uns als Lehrer:innen ist das passend: ein relevanter Stoff, der so verpackt ist, dass die Schüler:innen ihn auch privat gerne sehen möchten, zusammen mit den sozialen Schwerpunktthemen der gymnasialen Oberstufe: Immigration, Generation Clash, Culture Clash, Heranwachsen, Träume und Realitäten, Ansprüche und Selbstfindung, der lateinamerikanische American Dream. Es ist ein bisschen, als hätten sich Hudes und Miranda das Curriculum der gymnasialen Oberstufe als Kompositionsvorlage genommen. Wer den Film im Unterricht ansehen möchte, sollte eine Version mit englischen Untertiteln verwenden. Die schnellen, schlauen Rap-Passagen rasen sonst an den Schüler:innen vorbei. Wer auf das bewegte Bild verzichten möchte oder muss, setzt den Roman (oder Auszüge daraus) ein – allerdings unterscheiden sich Musical, Buch und Film leicht. In the Heights: Darum geht es im Film
Usnavi ist nicht sicher, ob der New Yorker Stadtteil Washington Heigths seine Heimat ist oder die Dominikanische Republik, in der er seine ersten acht Lebensjahre verbrachte. Nina hat ein Studium in Stanford begonnen, fühlt sich dort allerdings – als einzige Latina – fehlplatziert. Sie wurde des Diebstahls bezichtigt und auf einer offiziellen Veranstaltung für die Kellnerin gehalten. Für sie ist es schwer, Geld ihres Vaters für Studiengebühren anzunehmen, denn sie weiß, er müsste dafür sein Taxiunternehmen verkaufen. Ihr Vater andererseits hofft, dass sie den Traum, den er nicht verwirklichen konnte, weiterführt. Sonny hilft seinem Cousin Usnavi in dessen Bodega (einem kleinen Eckladen, in dem es Lottoscheine, Süßigkeiten und Kaffee zu kaufen gibt). Er wünscht sich eine Zukunft in den USA und eine Aufenthaltserlaubnis und versucht, als DREAMer über das DACA-Programm seinen Weg zu finden. Vanessa träumt davon, Modedesignerin zu werden. Sie sucht nach einer Wohnung, wird aber bei der Bewerbung abgelehnt. Abuela Claudia ist die ehrenamtliche Großmutter des Stadtteils. Sie kam als junge Frau aus Kuba nach New York, arbeitete hart als Reinigungskraft und bot vielen jungen Immigranten ohne Familienanschluss eine herzliche Anlaufstelle. Daniela und Clara führen einen Friseursalon, der soziales Zentrum des Stadtteils ist. Doch die Mieten steigen. Sie müssen einen neuen Salon in einem anderen Stadtteil finden. Ein mehrtägiger Stromausfall wirft die Frage auf, wie die Gemeinschaft mit „powerlessness“ umgeht. Resignation? Kampf? Resilienz? Viele Themen können in „In the Heights“ nur angeschnitten werden. Das kann man als Nachteil für die Unterrichtsgestaltung bewerten. Vorteilhaft ist allerdings, dass „In the Heights“ Interesse weckt. Der Film oder die Lektüre können deshalb fantastisch als Einstieg in die Themen Immigration oder American Dream genutzt werden. Ebenso können sie das Schuljahr wunderbar abschließen, nachdem bereits alle Klausuren geschrieben sind: eine tolle Belohnung für die harte Arbeit und wunderbare Motivation in der oft so schwer gestaltbaren Prä-Ferienzeit. Gleichzeitig bietet der Film einen tollen Anlass zur Wiederaufnahme der Lehrplanthemen in der Abiturvorbereitung. Aufgaben zum Film: Rezension, Essay, Adaption
Eine Rezension des Films zu verfassen, in der die Bezüge zu einige zentralen Vokabeln aufgezeigt werden, ist beispielsweise eine spannende Aufgabe. Auch ein argumentativer Essay über die Vor- und Nachteile eines Einsatzes des Films im Unterricht mit einer ähnlichen Auswahl von Schlagwörtern kann sinnvoll sein. Als Kreativaufgabe könnte ein Konzept zu einer Adaption für einen multikulturellen Stadtteil einer (fiktiven) deutschen Stadt entworfen werden oder ein Konzept für eine deutsche Auswanderer-Enklave im Ausland. Schnell werden die Schüler:innen so bemerken, dass zwischen Darstellung von kultureller Identität und Klischees ein schmaler Grat erfühlt werden muss und dass Ton und Multiperspektivität hier ausschlaggebend sind. Schlagworte für die argumentativen und kreativen Aufgaben
... könnten aus diesem Pool ausgewählt werden: American Dream, Immigration, Clash of Generations, Undocumented Immigrants, DACA, Dreamer, Melting Pot, Cultural Identity, Discrimination, Resilience, Promised Lands: Ideals and Reality, Power and Politics, The Challenge of Individualism, Work Ethic, Success, Living Together, Multiculturalism, Affirmative Action, Traditions and Values, Social Structures, Ethnic Minorities, Love and Happiness, Initiation, Modern Utopia, Economic Situation, Revolt and Revolution, Social (In)Equality, Gentrification

15.07.2021 - wortschatz-blog.de

Mit dem Roman “Furthermore” Jugendliche für die Schönheit der Sprache begeistern

Der 2016 erschienene Jugendroman „Furthermore“ sticht als besonderes Buch hervor. Ein Einband in strahlenden Farben, darauf: ein orange-goldener Fuchs, eine blaue Tür, durch die goldenes Licht fällt, ein Baum mit dreieckigen, grünen Blättern, ein rundes Haus, ein Junge mit Papyrus. Und in der Mitte: ein Mädchen mit grauweißem Haar, steinweißem Gesicht, braunen Augen, strahlend goldverzierter Kleidung, buntglitzernden Armbändern und Beeren im Haar. „Brimming with color and magic“ schreibt die New York Times über „Furthermore“ von Tahareh Mafi. Und bereits das Buchcover lässt erahnen, dass diese Beschreibung passen muss. Für den Unterricht nicht nur als Ganzschrift geeignet
„Furthermore“ bietet einige spannende Ansatzpunkte und ist vor allem ein zeitgenössisches Buch, das Preteens und Teenager in englischsprachigen Ländern tatsächlich mit Begeisterung lesen. Trotzdem plädiere ich hier nicht unbedingt für das Lesen der Ganzschrift. Für eine 7. oder 8. Klasse sind Auszüge, das Titelbild sowie einige ausgewählte Seiten und Zitate empfehlenswert. Denn „Furthermore“ ist kein Buch, dass sich schnell und ohne großes Nachschlagen von Seite 1 bis 400 überfliegen lässt. Dazu ist es einfach zu vollgepackt mit Bildern, die unsere volle Aufmerksamkeit verdienen. Ausgeschlossensein und Zusammenhalt in einer magischen Welt
Im Zentrum des Buchs steht Alice, eine Protagonistin, die „anders“ ist. Während alle Menschen in Ferenwood bunt und magisch sind, ist Alice pigmentlos und nicht mit magischen Kräften gesegnet. So fällt sie auf. Und ihr Umfeld signalisiert: Dir fehlt etwas. Du hast ein Defizit. Alice macht sich auf die Suche nach ihrem Vater. Es geht um Heldentum, ums Besonderssein und ums Nichtbesonderssein, um Resilienz und Stärke, Ausgeschlossenwerden und um Zusammenhalt. Auch Alices Freund, ein Junge namens Oliver, hat eigene Geheimnisse zu entschlüsseln. Und das ist in der fantastischen Welt von Ferenwood nicht leicht: Gefahren lauern, oben kann manchmal unten sein, Papier ist lebendig und links kann rechts sein oder richtig oder ganz falsch. Aufgabe: überraschende sprachliche Bilder entschlüsseln
Eine (Nicht-)Logik, die an einigen Stellen Hommage an Alice im Wunderland ist, bezaubert die Leser:innen und lädt zum genau Hinlesen ein! Denn aus dem Zusammenhang zu schließen ist in diesem Buch an vielen Stellen unmöglich. „The sun was raining again.“ Schon der erste Satz zeigt das ganz wunderbar. Einmal entschlüsselt kreiert er bemerkenswerte Bilder in unseren Köpfen, lädt zum Malen oder Träumen ein. „The sun was raining again.“ Was das wohl zu bedeuten hat? „Soft and bright, rainlight fell through the sky, each drop tearing a neat hole in the season. Winter had been steady and predictable, but it was quite poked through now, and spring was peeking out from underneath it.“ „Furthermore“ ist in bildreicher Sprache geschrieben, es lässt sich hervorragend einsetzen um die Freude an Metaphern, Vergleichen, Synästhesien zu erwecken und den Lernenden Lust aufs Lesen zu bereiten. In einem solchen Satz möchte man wirklich jedes Wort verstehen. Das Wörterbuch kann also beim Entschlüsseln der Bilder und beim lustvollen Sezieren der Sätze ein wichtiger Begleiter und glanzvolles Skalpell sein. Es ist denkbar, für jede:n Schüler:in einen eigenen Satz zu suchen oder suchen zu lassen, der genau erspürt und bildlich umgesetzt wird, inklusive der neu gelernten Vokabeln. Wie kann ein Tropfen ein Loch in eine Jahreszeit reißen? Wie sieht das aus, wenn Frühling schon durch die kleinen Lücken des Winters hervorlugt? „The people of Ferenwood were excited for spring, but this was to be expected; they had always been fond of predictable, reliable sorts of changes, like night turning into day and rain turning into snow. They didn't much care for night turning into cake or rain turning into shoelaces, because that wouldn't make sense, and making sense was terribly important to these people who'd built their lives around magic.“ Interpretation künstlerisch erarbeiten
Ein fächerübergreifendes Projekt mit Kolleg:innen aus dem Fachbereich Kunst könnte spannend sein, ist aber nicht dringend nötig: Die Kreativität der Schüler:innen und künstlerische Begeisterungsfähigkeit sind in diesen Jahrgangsstufen bei vielen sehr ausgeprägt. Und die, die nicht gerne malen? Können eigene Sätze erfinden oder ausschließlich mit Wörtern und Farben sowie freien Stockfotografien und -grafiken Konzepte umsetzen oder sich andere Eselsbrücken überlegen, wie sie neue Wörter behalten können: zum Beispiel indem sie Gegenteile suchen, Mindmaps erstellen oder mit Schriftarten spielen. Mein Fazit zu „Furthermore“
„Furthermore“ ist ein tolles Buch, das in den nächsten Jahren sicherlich auch verfilmt wird. Auch daraus lässt sich vermutlich wunderbares Unterrichtmaterial erstellen. Die Lernenden werden spüren, dass es sich dabei um authentischen, modernen Jugendcontent des aktuellen Jahrtausends handelt, und nicht wenige werden tiefer eintauchen wollen in die bunte, magische, wortgewaltige Welt von Ferenwood.

19.05.2021 - wortschatz-blog.de

In der Oberstufe mit Muttersprachlern arbeiten

Alexis Brown | Unsplash.comIch erinnere mich noch genau an einen Moment, als eine Referendarin tränenüberströmt im Lehrerzimmer saß. Was war passiert? In ihrer Examensklasse war ein 17-Jähriger englischer Muttersprachler, der zuhause zweisprachig aufwuchs, inklusive perfektem britischem Akzent. Nun sind in der Stresssituation Referendariat viele angehende Lehrkräfte nah am Wasser gebaut, doch was war es, das der jungen Kollegin an dieser Situation so viel Angst bereitete? Sie hatte Minderwertigkeitsgefühle wegen ihrer eigenen Englischkenntnisse, ihrer Aussprache, ihrer Fähigkeit richtig zu korrigieren. Sie fühlte sich noch nicht sicher genug in ihrer Unterrichtssprache Englisch und machte sich Sorgen, dass ein Muttersprachler sie „entlarven“ und ihre Sprachautorität untergraben würde. Und all das womöglich noch in der Examensstunde, in der sich so einiges über ihre berufliche Zukunft entscheiden würde. Das größte Problem in dieser Situation – so schätze ich es ein – war ihr eigenes Verständnis der Lehrer:innenrolle. Sie hatte die Vorstellung, dass Lehrkräfte unfehlbare Koryphäen sein müssten, erhaben über jeden Fehler. Wir, die ständigen Kritiker und Bewerter der Lernenden, müssten den Schein der Unfehlbarkeit wahren. Einerseits erkannte sie die Lücken in ihren Sprachkenntnissen treffend, andererseits hatte sie diesen überhöhten Anspruch an sich und andere. Ein Dilemma. Da solche Ängste beim Unterrichten von (fast erwachsenen) Muttersprachlern gängig sind, habe ich zusammengestellt, was in dieser Situation helfen kann. 1. Die eigenen blinden Flecken erkennen und an ihnen arbeiten Ein Fortbildungskurs, ein Sprachtandem, eine Zoomfreundschaft mit einer Lehrkraft im englischsprachigen Ausland? Ein englisches Hörbuch durcharbeiten? Ein Muttersprachler im Kurs ist ein toller Anlass, sich lebenslang fortzubilden. 2. Über das lebenslange Lernen sprechen Schule, Universität, Referendariat, Auslandsaufenthalte, Fortbildungen … auch wenn wir als Lehrkräfte schon viele Jahre (und Jahrzehnte) der Bildung hinter uns haben ­– Sprachen sind komplex und man lernt nie aus. Das können wir auch mit den Lernenden besprechen: Lernen ist ein lebenslanges Projekt und ein Defizit ist kein Drama, sondern eine Herausforderung. 3. Die Lehrer:innenrolle überdenken Sind wir allwissende Götter, die den Lernenden in jeder Hinsicht „überlegen“ sind? Nein. Lernende, die – in mancherlei Hinsicht – mehr wissen als wir – sollten wir deshalb nicht als Bedrohung wahrnehmen, sondern als Bereicherung. 4. Die eigenen Stärken sehen Was kann ich dem Schüler trotz seines fortgeschrittenen Sprachstands noch beibringen? Bestehen Probleme im Bereich Orthographie? Sprachregister? Textgliederung? Textinterpretation und -analyse? Passende Strategien für Erfolg in Prüfungssituationen (bspw. mündliche Prüfungen, Klausuren, Präsentationen). Häufig haben zweisprachige Lernende in der Oberstufe noch Probleme, umgangssprachliche Wendungen in den richtigen Situationen zu verwenden und zum Beispiel in Klausuren nicht zu verwenden. Da können wir helfen. 5. Hilfe annehmen. Auch versierte Englischsprecher:innen könnten Zweifel bekommen beim Korrigieren einer muttersprachlich verfassten Klausur. Aber das Wörterbuch liegt ja gleich neben dem Klausurenstapel. Kollokationen, Synonyme, grammatikalische Zweifelsfälle: Das (elektronische) Wörterbuch hilft. Und eventuell auch die muttersprachliche Kollegin, die soeben von einer Austauschreise zurückgekehrt ist. 6. Über die (Gleich-)Wertigkeit von Akzenten sprechen. Beim Zweitspracherwerb bleibt – für die meisten Menschen – ein (kleiner) Akzent zurück. Natürlich arbeiten wir an einem milden, universal verständlichen Akzent, trotzdem muss niemand seine Herkunft leugnen. Auch Lehrer:innen nicht. Dass wir nicht zu hundert Prozent wie Muttersprachler klingen, ist keine Schande. Im Gegenteil: Wir können die Chance nutzen, um über Vorurteile gegenüber Menschen zu sprechen, die „anders“ klingen. 7. Eine umfangreiche Diagnose durchführen. Während des Unterrichts, in Klausuren und Projekten: muttersprachliche Lernende verdienen Diagnose ebenso wie andere Schüler:innen. Und es gibt immer etwas zu tun. 8. Mit der Person selbst das Gespräch suchen. Welche Förderung wünschst du dir? Wo siehst du Schwachstellen? Wie ist deine Haltung gegenüber mir als Lehrkraft? Welche Verabredung treffen wir für das gemeinsame Lernen? Es ist sehr sinnvoll, gleich zu Beginn klare Absprachen über die gemeinsame Arbeit zu treffen. Ist es okay, vor der Klasse korrigiert zu werden? Ist die Schülerin mit einer Sonderrolle einverstanden? Möchte sie eine wöchentliche Kurzsequenz übernehmen, etwa einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage geben? Wo sieht die Person selbst eigene Stärken? Wie kann sie den Unterricht bereichern? 9. Mehr Schüler:innenbeteiligung ermöglichen Die Interessen der Lernenden in der Oberstufe sind vielschichtig. Nicht selten nutzen sie englischsprachige Quellen, um sich zu informieren oder zu unterhalten. Gibt es Comedians, die gerade angesagt sind? Kritische Kabarettist:innen und Journalist:innen, die beliebt sind (z.B. Hasan Minhaj, John Oliver). Die Lernenden können im Wechsel ihre Quellen vorstellen oder eine gemeinsame Ressourcenliste (Information und Unterhaltung) anlegen. Kurzum: Muttersprachler:innen können eine Bereicherung darstellen und uns daran erinnern, dass wir alle unterschiedliche Stärken haben, die es zu entdecken gilt und die für das gemeinsame Lernen genutzt werden können. Sie bieten eine tolle Gelegenheit, um zu zeigen: Auch ich als Lehrkraft bilde mich weiter und freue mich über die Stärken meiner Kursgruppe.   PS: Wie muttersprachliche Schüler:innen den Unterricht in Klasse 5 bereichern und welche Aufgaben sie übernehmen können, habe ich hier zusammengefasst. Beitragsbild: Alexis Brown | Unsplash.com

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