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19.05.2021 - wortschatz-blog.de

In der Oberstufe mit Muttersprachlern arbeiten

Alexis Brown | Unsplash.comIch erinnere mich noch genau an einen Moment, als eine Referendarin tränenüberströmt im Lehrerzimmer saß. Was war passiert? In ihrer Examensklasse war ein 17-Jähriger englischer Muttersprachler, der zuhause zweisprachig aufwuchs, inklusive perfektem britischem Akzent. Nun sind in der Stresssituation Referendariat viele angehende Lehrkräfte nah am Wasser gebaut, doch was war es, das der jungen Kollegin an dieser Situation so viel Angst bereitete? Sie hatte Minderwertigkeitsgefühle wegen ihrer eigenen Englischkenntnisse, ihrer Aussprache, ihrer Fähigkeit richtig zu korrigieren. Sie fühlte sich noch nicht sicher genug in ihrer Unterrichtssprache Englisch und machte sich Sorgen, dass ein Muttersprachler sie „entlarven“ und ihre Sprachautorität untergraben würde. Und all das womöglich noch in der Examensstunde, in der sich so einiges über ihre berufliche Zukunft entscheiden würde. Das größte Problem in dieser Situation – so schätze ich es ein – war ihr eigenes Verständnis der Lehrer:innenrolle. Sie hatte die Vorstellung, dass Lehrkräfte unfehlbare Koryphäen sein müssten, erhaben über jeden Fehler. Wir, die ständigen Kritiker und Bewerter der Lernenden, müssten den Schein der Unfehlbarkeit wahren. Einerseits erkannte sie die Lücken in ihren Sprachkenntnissen treffend, andererseits hatte sie diesen überhöhten Anspruch an sich und andere. Ein Dilemma. Da solche Ängste beim Unterrichten von (fast erwachsenen) Muttersprachlern gängig sind, habe ich zusammengestellt, was in dieser Situation helfen kann. 1. Die eigenen blinden Flecken erkennen und an ihnen arbeiten Ein Fortbildungskurs, ein Sprachtandem, eine Zoomfreundschaft mit einer Lehrkraft im englischsprachigen Ausland? Ein englisches Hörbuch durcharbeiten? Ein Muttersprachler im Kurs ist ein toller Anlass, sich lebenslang fortzubilden. 2. Über das lebenslange Lernen sprechen Schule, Universität, Referendariat, Auslandsaufenthalte, Fortbildungen … auch wenn wir als Lehrkräfte schon viele Jahre (und Jahrzehnte) der Bildung hinter uns haben ­– Sprachen sind komplex und man lernt nie aus. Das können wir auch mit den Lernenden besprechen: Lernen ist ein lebenslanges Projekt und ein Defizit ist kein Drama, sondern eine Herausforderung. 3. Die Lehrer:innenrolle überdenken Sind wir allwissende Götter, die den Lernenden in jeder Hinsicht „überlegen“ sind? Nein. Lernende, die – in mancherlei Hinsicht – mehr wissen als wir – sollten wir deshalb nicht als Bedrohung wahrnehmen, sondern als Bereicherung. 4. Die eigenen Stärken sehen Was kann ich dem Schüler trotz seines fortgeschrittenen Sprachstands noch beibringen? Bestehen Probleme im Bereich Orthographie? Sprachregister? Textgliederung? Textinterpretation und -analyse? Passende Strategien für Erfolg in Prüfungssituationen (bspw. mündliche Prüfungen, Klausuren, Präsentationen). Häufig haben zweisprachige Lernende in der Oberstufe noch Probleme, umgangssprachliche Wendungen in den richtigen Situationen zu verwenden und zum Beispiel in Klausuren nicht zu verwenden. Da können wir helfen. 5. Hilfe annehmen. Auch versierte Englischsprecher:innen könnten Zweifel bekommen beim Korrigieren einer muttersprachlich verfassten Klausur. Aber das Wörterbuch liegt ja gleich neben dem Klausurenstapel. Kollokationen, Synonyme, grammatikalische Zweifelsfälle: Das (elektronische) Wörterbuch hilft. Und eventuell auch die muttersprachliche Kollegin, die soeben von einer Austauschreise zurückgekehrt ist. 6. Über die (Gleich-)Wertigkeit von Akzenten sprechen. Beim Zweitspracherwerb bleibt – für die meisten Menschen – ein (kleiner) Akzent zurück. Natürlich arbeiten wir an einem milden, universal verständlichen Akzent, trotzdem muss niemand seine Herkunft leugnen. Auch Lehrer:innen nicht. Dass wir nicht zu hundert Prozent wie Muttersprachler klingen, ist keine Schande. Im Gegenteil: Wir können die Chance nutzen, um über Vorurteile gegenüber Menschen zu sprechen, die „anders“ klingen. 7. Eine umfangreiche Diagnose durchführen. Während des Unterrichts, in Klausuren und Projekten: muttersprachliche Lernende verdienen Diagnose ebenso wie andere Schüler:innen. Und es gibt immer etwas zu tun. 8. Mit der Person selbst das Gespräch suchen. Welche Förderung wünschst du dir? Wo siehst du Schwachstellen? Wie ist deine Haltung gegenüber mir als Lehrkraft? Welche Verabredung treffen wir für das gemeinsame Lernen? Es ist sehr sinnvoll, gleich zu Beginn klare Absprachen über die gemeinsame Arbeit zu treffen. Ist es okay, vor der Klasse korrigiert zu werden? Ist die Schülerin mit einer Sonderrolle einverstanden? Möchte sie eine wöchentliche Kurzsequenz übernehmen, etwa einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage geben? Wo sieht die Person selbst eigene Stärken? Wie kann sie den Unterricht bereichern? 9. Mehr Schüler:innenbeteiligung ermöglichen Die Interessen der Lernenden in der Oberstufe sind vielschichtig. Nicht selten nutzen sie englischsprachige Quellen, um sich zu informieren oder zu unterhalten. Gibt es Comedians, die gerade angesagt sind? Kritische Kabarettist:innen und Journalist:innen, die beliebt sind (z.B. Hasan Minhaj, John Oliver). Die Lernenden können im Wechsel ihre Quellen vorstellen oder eine gemeinsame Ressourcenliste (Information und Unterhaltung) anlegen. Kurzum: Muttersprachler:innen können eine Bereicherung darstellen und uns daran erinnern, dass wir alle unterschiedliche Stärken haben, die es zu entdecken gilt und die für das gemeinsame Lernen genutzt werden können. Sie bieten eine tolle Gelegenheit, um zu zeigen: Auch ich als Lehrkraft bilde mich weiter und freue mich über die Stärken meiner Kursgruppe.   PS: Wie muttersprachliche Schüler:innen den Unterricht in Klasse 5 bereichern und welche Aufgaben sie übernehmen können, habe ich hier zusammengefasst. Beitragsbild: Alexis Brown | Unsplash.com

26.04.2021 - wortschatz-blog.de

Music in a Box: singender Karton mit Stilmittelanalyse

PexelsVor einigen Monaten habe ich einen Blogbeitrag über das Projekt „Book in a Box“ geschrieben. Nun habe ich dieses Projekt für meinen 13. Jahrgang (Grundkurs) abgewandelt und daraus „Music in a Box“ gemacht. Die Herangehensweise ist ähnlich und kann ab dem 11. Jahrgang eingesetzt werden. Bei uns ist „Music“ im Rahmenlehrplan der Fremdsprache im beruflichen Gymnasium ein Unterthema von „Literatur“. Da wir schon Kurzgeschichten und einen Roman gelesen haben, wollte ich an das Thema „Music“ anders herangehen. Aufgabenstellung: Packe den Song in einen Karton
Die Schülerinnen und Schüler haben zunächst einen Song ausgewählt, den sie vorstellen wollten. Dann haben sie von mir die Aufgabe erhalten, Gegenstände im Haushalt zu finden, die sie nutzen können, um den Inhalt des Songs zu beschreiben. Die Gegenstände durften auch selbst gebastelt werden. Der Schuhkarton sollte schon von außen den Bezug zum Song zeigen, zum Beispiel durch Verzierungen in Form von Symbolen, Bildern o. ä. Wie bei dem „Book in a Box“-Projekt konnten die Gegenstände auch von illustrativem, interpretierendem und symbolischem Charakter sein (z. B. bestimmte Gegenstände oder Farben). Außerdem sollten die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Vorstellung vier Stilmittel in dem Song herausarbeiten, benennen und ihre Funktion erklären, also zum Beispiel die Wiederholung, Übertreibung oder die rhetorische Frage. Somit wurden die Stilmittel auch nochmal wiederholt. Informationen über die Band, den Sänger oder die Sängerin waren auch Bestandteil der Aufgabenstellung. Um technischen Problemen aus dem Weg zu gehen, sollten alle Schülerinnen und Schüler „ihren“ Song auf einem USB-Stick mit zur Präsentation bringen. Am Ende jeder Präsentation haben wir den gewählten Song nämlich gemeinsam gehört. Wortschatzarbeit wie von selbst
Meine Schülerinnen und Schüler des 13. Jahrganges sind mit der Handhabung des elektronischen Wörterbuchs EX-word sehr routiniert. Ich muss sie schon lange nicht mehr auffordern, es aus den Taschen zu holen oder es auch zuhause zu benutzten. Der Mehrwert der Geräte ist ihnen schon in „Fleisch und Blut“ übergegangen. Beispiel: ein Schuhkarton für „Astronaut in the Ocean” von Masked Wolf
Eine Schülerin hatte sich für „Astronaut in the Ocean” von Masked Wolf entschieden. Von außen war ihr Schuhkarton mit mehreren Planeten, einem Astronauten und einer Sternengirlande beklebt. Im Schuhkarton selbst fand sich eine Maske, eine Wasserpistole, eine Krone, ein kleines Buch – das die Bibel darstellen sollte –, ein Ladekabel und eine Lupe. Als Stilmittel hat die Schülerin die rhetorische Frage, die Metapher, die Wiederholung und die Übertreibung genannt. [caption id="attachment_4935" align="alignleft" width="224"] Eine Box für den Song "Astronaut in the Ocean" – Außenansicht[/caption] [caption id="attachment_4934" align="alignleft" width="224"] Eine Box für den Song "Astronaut in the Ocean" – Inhalte[/caption] Weitere vorgestellte Songs waren: „Living in a box“ von Living in a Box “Follow you” von Imagine Dragon “You’ll never walk alone” von Gery & The Pacemaker “Earth” von Lil.Dicky “Looking for Freedom” von David Hasselhoff” “Fuck 2020” von Scooter “My heart will go on” von Celine Dion u.v.m. Fazit: viele alte und neue Songs. Und: Es geht auch digital
Anfangs waren die Schülerinnen und Schüler von der Bastelarbeit wenig begeistert. Die Ergebnisse zeigten allerdings ein ganz anderes Bild. Bei den Präsentationen stellte sich heraus, dass die meisten Songs bekannt waren, viele aber bisher wenig auf die Wortwahl und die Inhalte geachtet hatten. Für den Wortschatz hat deshalb die Auseinandersetzung mit den Liedtexten eine Menge gebracht. Bei jeder einzelnen Buchvorstellung wollten die Jugendlichen unbedingt den Inhalt richtig verstehen. Diverse Wörter, die im Schulalltag wenig bis gar nicht gebraucht werden, wurden mit Hilfe des EX-word schnell übersetzt und in den Wortschatz aufgenommen. Was will man als Fremdsprachenlehrerin mehr? Am Ende fand mein Kurs die Aufgabe super. Leider konnten wir vier Präsentationen nur noch online hören, aber das hat auch wunderbar geklappt. Die Schülerinnen und Schüler haben die Kartons abfotografiert und über den Bildschirm geteilt. Die Lieder haben wir dann über watch2gether gemeinsam gehört. Ich bin immer noch auf der Suche nach einer interessanten Möglichkeit, meinen Schülerinnen und Schülern englische Gedichte schmackhaft zu machen. Habt Ihr nicht vielleicht noch ein paar Tipps für mich?   Beitragsbild: Pexels | Pixabay

09.04.2021 - wortschatz-blog.de

Bekleidungswortschatz und Adjektive digital lernen – einfach realisiert

Erik Witsoe | Unsplash.comWie schafft man es, Vokabelübungen mit Grammatik und digitalem Lernen zu verknüpfen? Vor dieser Herausforderung stehen Lehrerinnen und Lehrer seit nunmehr zwölf Monaten und alle versuchen ihr Bestes. Hier möchte ich heute ein Beispiel aus meinem Englischunterricht beschreiben, dass relativ einfach zu realisieren ist. Hauptthemen der Unterrichtseinheit waren die Steigerung von Adjektiven und die Wiederholung von Vokabular zum Thema „Kleidung“. Schritt 1: Grammatikeinführung mit Videos
Für die Grammatikeinführung und Übungen habe ich Lehrvideos (z.B. von Sofatutor – derzeit kostenfrei für Lehrkräfte, Links zu Videos und Übungsaufgaben können verschickt werden) und diversen Übungen aus Schulbuch und weiterem online verfügbarem Unterrichtsmaterial (z.B. diesem hier) genutzt. Schritt 2: Vokabeln wiederholen
Die Vokabeln habe ich mithilfe des Lehrwerks und Onlineressourcen wiederholt. Hier habe ich passendes Material von liveworksheets.com eingesetzt. Auf der Website finden sich nicht nur schriftliche Übungen, sondern auch Hörverstehensaufgaben, die selbstständig überprüft werden können. Schritt 3: Kleidung fotografieren
Ich habe drei meiner Kleidungsstücke fotografiert und folgendes als Beispiel gegeben: Example I love hoodies. Here are three of my hoodies. They are all blue. I very much love the colour blue. The hoodie on the right is a few months OLD. The hoodie on the left is OLDER. Two years old, I think. The hoodie in the middle is THE OLDEST one. My wife gave it to me as a birthday present some years ago. So it is special to me. [caption id="attachment_4919" align="aligncenter" width="650"] Meine drei blauen Hoodies dienten als Beispiel für diese Aufgabe.[/caption] Dann folgte die erste Aufgabe: Adjektive steigern. Folgende Adjektive gab ich den Schülerinnen und Schülern, um sie erst einmal zu steigern: wide (weit), tight (eng), long, short, comfortable, nice, colourful (bunt), beautiful, boring, expensive, cheap, warm, well-fitting (better-fitting, the best-fitting = von der Größe her passend. Auch wenn dies ein Adverb ist, so passt es doch zur Aufgabe) Die Schülerinnen und Schüler sollten die Steigerungen nun zunächst schreiben. Dann wurden sie auf Richtigkeit überprüft: Wer das Ergebnis bei mir eingereicht hatte, bekam dafür ein Blatt mit den Lösungen. Nun sollten die Kinder sich selbst auf die Suche nach Kleidungsstücken machen, die sie miteinander vergleichen könnten. Hierin besteht der Anknüpfungspunkt an Schülerinteressen: Ich darf etwas von mir bzw. meinem Kleiderschrank und somit von meinem Leben erzählen. Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe mit großer Ernsthaftigkeit und Interesse bearbeitet. Ich weiß nun, welches Kleid zu welchem Geburtstag welcher Lieblingstante getragen wurde. Einige schrieben tatsächlich kleine „Romane“, da sie intrinsisch motiviert waren – zugegeben: natürlich nicht alle. Die Aufgabe dazu: TASK Take five different pieces of clothes and five different adjectives and compare them. For example: jeans – tight, shoes – comfortable, T-shirts – colourful, jumpers – warm, jackets - expensive Take pictures (three pairs of jeans, three pullovers, …) Write your text. Practice reading it. Hier ist ein Ansatzpunkt zum digitalen Lernen. An unserer Schule werden die Kinder ab Klasse 5 an PCs ausgebildet. Dazu gehört auch das Einfügen von Bildern in Texte. Diese Fähigkeit sollten sie nun hier einbringen und umsetzen. Der Vorteil für mich ist dabei, dass Textdateien, bei denen Bilder klein eingefügt werden, insgesamt weniger Volumen haben (bei Verkleinerung) als einzelne Bilder, so dass der Upload oder das Zusenden als E-Mail-Anhang weniger problematisch ist. Schritt 4: Audioaufnahmen eigener Texte
Auf jedem Smartphone gibt es ein Diktiergerät oder man kann sich kostenfreie Apps wie z.B. „mp3recorder“ herunterladen. Die Schülerinnen und Schüler hatten nun die Aufgabe, ihre Texte einzusprechen, aufzunehmen und mir die Audiodatei zuzusenden. Auch hier ist wieder die Verknüpfung digitaler Fähigkeiten mit Sprachlernen interessant. Aktiv umgesetzte Grammatik wird nun in möglichst natürlichen Sprachoutput umgewandelt. Dabei üben sie lautes Sprechen und können sich danach auch hören. Um den Lernenden einen Anreiz zu bieten, habe ich natürlich auch meinen Text aufgenommen und zur Verfügung gestellt. Frei nach „demonstration is better than explanation“. Alle Schülerinnen und Schüler mussten mir Texte mit Bildern UND die Audiodateien zusenden. Insgesamt waren die Ergebnisse sehr ansprechend und die Rückmeldungen waren sehr positiv. Sicher gibt es für diese Kombination aus Digitalem und Sprachlernen noch viele weitere Möglichkeiten der Anwendung. Viel Freude beim Ausprobieren!

15.02.2021 - wortschatz-blog.de

Vokabeln lernen – sieben Mythen unter der Lupe

Emiliano Vittoriosi (unsplash)Kaum eine Aufgabe zieht sich so kontinuierlich durch die Schulzeit wie das Lernen neuer Vokabeln. Trotzdem widmet sich nur ein sehr geringer Teil der Schulzeit der Frage, wie das Lernen neuer Wörter am besten gelingt. Mal gilt Karteikarten-Pflicht, andere nutzen Vokabelhefte oder Apps. Ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler lernt vermutlich einfach mit den Wörterlisten in den Lehrbüchern. Und kaum jemand empfindet helle Freude bei Hausaufgaben nach dem Motto: „Bis Montag Vokabeln von Seite 198 bis 201 können“. Darüber, wie sich diese Aufgabe am besten bewerkstelligen lässt und welche Relevanz sie überhaupt besitzt, kursieren zahlreiche Mythen. Wer sie kennt und richtig bewertet, kann Stolperfallen beim Lernen neuer Wörter umschiffen. Ein Überblick: Mythos 1: Grammatik ist wichtiger als Wortschatz
Diese Vorstellung ist so alt wie der Sprachunterricht. Insbesondere der altsprachliche Unterricht. Wer in der weiter entfernten Vergangenheit diese alten Sprachen gelernt hat, wollte vor allem schriftliche Texte in die eigene Sprache übersetzen. Wichtige Hilfsmittel: Kenntnisse von Syntax und Morphologie, ein gutes Wörterbuch und viel Zeit. Diese Herangehensweise hat den Weg zum Fremdsprachenunterricht lange geprägt. Ich wette, dass sich die Sprachwissenschaft in Europa ganz anders entwickelt hätte, wenn die alten Römer nicht Latein gesprochen hätten, sondern Englisch oder Japanisch – also Sprachen mit weniger kleinteiliger und morphologielastiger Grammatik, dafür aber anderen Herausforderungen. Inzwischen soll der Fremdsprachenunterricht vor allem zur Kommunikation befähigen, zum Sprechen, Verstehen, Schreiben, Handeln. Dafür ist natürlich auch Grammatik nötig, aber der Wortschatz rückt stärker in den Fokus. Oder anders gesagt: Die richtige Vokabel mit der falschen Endung ist verständlicher als jedes perfekt gebeugte, aber völlig ausgedachte Wort. Mythos 2: Wortschatz und Grammatik sind zwei getrennte Bereiche
Habe ich eben geschrieben, dass Wortschatz im Zweifelsfall wichtiger ist als Grammatik? Hier folgt das „Ja, aber“: Die Vorstellung, dass Wortschatz und Grammatik zwei voneinander getrennte Bausätze der Sprache sind, ist eigentlich zu einfach. Das Gehirn jedenfalls trennt nicht so streng. Das zeigt sich zum Beispiel bei regelmäßigen Verben: Wer die Konjugation beherrscht, kann im Handumdrehen eine unglaubliche Menge unterschiedlicher Verben korrekt bilden. Keine Frage, dass das sinnvoll ist. Studien lassen aber vermuten, dass das dem mentalen Lexikon nicht unbedingt reicht, sondern dass gerade häufig benutzte Wörter bereits als fertig konjugierte Form abgespeichert werden. Das ist zwar redundant, beschleunigt aber das Abrufen solcher Vokabeln. Andersherum hängt auch an zahlreichen Vokabeln eine „Grammatik-Anweisung“: Achtung, transitives Verb! Oder: auf diese Präposition folgt Genitiv! Was wie eine theoretische Überlegung für Linguistik-Nerds klingt, hat auch praktische Folgen für das Lernen neuer Vokabeln. Zum Beispiel dass es sich lohnt, häufige Verben nicht nur als Infinitiv zu lernen, sondern konjugiert – und am besten in ganzen Sätzen. Mythos 3: Entweder man beherrscht eine Vokabel oder man kennt sie nicht
Zurück zur oben genannten Hausaufgabe: „Bis Montag Vokabeln von Seite 198 bis 201 können“. Was heißt eigentlich „können“? Mögliche Antworten auf diese Frage: Im Vokabeltest nächste Woche die richtige Antwort wissen. Das Wort in einem Text verstehen. Das Wort selbst richtig anwenden. Das Wort in jedem Kontext für immer und alle Zeit korrekt anwenden und verstehen. Im Idealfall führt das Lernen im Lauf der Zeit vom ersten bis zum letzten Punkt. Im realistischeren Fall bleibt der Lernprozess irgendwo zwischen 2. und 3. stehen. Das ist soweit ok, die höchste Stufe darf gern Muttersprachler*innen und Sprachprofis überlassen bleiben. Trotzdem ist die Einsicht hilfreich: Ein Wort zu lernen ist ein längerer Prozess. Auch wenn die Wortform sitzt, gibt es noch allerhand über eine Vokabel und ihre Verwendung zu erfahren. Viel muttersprachlicher Input hilft hier weiter – und ein bewusster Blick dafür, wie Native Speakers sich ausdrücken und wieso man nicht selbst auf deren Formulierungen gekommen wäre. Mythos 4: Jede Vokabel hat ihre Übersetzung
Wäre das nicht schön? Man müsste für genau dasselbe Ding einfach nur einen neuen Namen lernen. Gerade am Anfang mag es Schülerinnen und Schülern so erscheinen: Beliebte Anfangsvokabeln wie zum Beispiel Farben scheinen auf den ersten Blick 1:1 übersetzbar. Erst mit wachsender Sprachkompetenz zeigt sich, dass selbst Farbvokabeln durchaus ihre Tücken haben: eine „nuit blanche“ ist weder weiß noch verschneit und eine Songzeile namens „I am blue“ hat auch nichts mit Farbe zu tun. Umgekehrt haben sich vermutlich schon einige Deutsch-als-Fremdsprache-Lernende über die Ausdrücke „blau sein“ oder „blau machen“ gewundert. Es ist also eher so, dass sich die Bedeutungen eine vermeintlichen Vokabelgleichung lediglich überlappen – mal mehr, mal weniger. Es lohnt sich, diese Erkenntnis im Hinterkopf zu behalten. Zum einen mahnt sie zur Vorsicht zum Beispiel beim Übertragen von Redewendungen von einer Sprache in die andere. Zum anderen weichen die Bedeutungen eines Wortes in Mutter- und Fremdsprache mitunter auf subtile Weise voneinander ab. So kann ein scheinbar wörtlich übersetzter Satz in der einen Sprache eher salopp klingen, in der anderen gestelzt. Und zum dritten mahnt diese Erkenntnis, Wörterbücher mit Bedacht zu benutzen und nicht gleich die erste angebotene Übersetzung eines Wortes unkritisch zu verwenden. Mythos 5: Wenn man eine Sprache häufig hört, lernt man ganz von selbst neue Vokabeln
Das stimmt – bei kleinen Kindern. Auch Menschen, die in ein anderes Land ziehen, erwerben ziemlich schnell ein paar erste Wörter der neuen Sprache. Nicht durch das reine Hören, wohlbemerkt, sondern durch Kommunikation. Irgendwann allerdings kann dieser Lernprozess zum Erliegen kommen oder sich jedenfalls stark verlangsamen: die sogenannte Fossilisierung setzt ein. Das bezieht sich nicht nur auf Wortschatz, sondern auf das Sprachenlernen insgesamt. Und es geschieht ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem eine Person mit ihren Sprachkenntnissen zufrieden ist und kommunikativ alle Aufgaben bewältigen kann, die sich ihr stellen. „Ganz von selbst“, also ohne Absicht oder Mühe, erweitert sich dann der Wortschatz nur noch, wenn neue Vokabeln notwendig werden. Zum Beispiel, weil sich die Person mit einem neuen Thema beschäftigt und darüber kommunizieren möchte. Wer aber seinen Wortschatz auch ohne Notwendigkeit konstant erweitern möchte, muss ein bisschen Nachhelfen. Austausch mit Muttersprachler*innen zu neuen Themen, Lesen, neue Wörter notieren – damit können auch Menschen, die eine Fremdsprache bereits sehr gut beherrschen, ihren Wortschatz erweitern oder mehr Vokabeln von ihrem passiven Wortschatz in den aktiven überführen. Mythos 6: Wortfelder erleichtern das Lernen
Wortfelder sind beliebt. Kaum ein Kind kommt durch die Schulzeit, ohne irgendwann fremdsprachliche Mindmaps von Möbelstücken oder Haustieren gezeichnet zu haben. Die Idee dahinter ist einleuchtend: Wer auf einmal lernt, alle gängigen Möbelstücke zu benennen, kann zum Beispiel das eigene Zimmer vollständig beschreiben und erarbeitet sich sprachlich ein neues Thema. Außerdem soll die Präsentation der Vokabeln als thematisches Paket dafür sorgen, dass die Wörter im Gehirn vernetzt werden. Fällt dann irgendwo das Wort für „Stuhl“, sind gleich sämtliche Möbel-Vokabeln im Hirn aktiviert und stehen parat. Allerdings bergen Wortfelder auch Verwechslungsgefahr. Am Ende der Möbel-Lektion im Spanischunterricht könnte nur hängenbleiben, dass estantería und armario Möbelstücke bezeichnen – aber welches der Wörter heißt nun Regal? Und das andere: Schreibtisch? Oder doch Schrank? Um solche Verwechslungen zu verhindern kann es hilfreich sein, zum Beispiel das entsprechende Möbelstück in das Wort hineinzuzeichnen oder sie schrittweise einzuführen, Noch kontraproduktiver kann es sein, einen Haufen Beinahe-Synomyme als Wortfeld zu verpacken. Aus meinem Französischunterricht ist mir so eine Übung zu den Wörtern genre – façon – manière – espèce – sorte in Erinnerung geblieben. Jeder der Begriffe heißt irgendwie „Art“, soviel wussten wir am Ende. Und wir wussten, dass es ganz viele Kontexte gibt, in denen einige der Begriffe richtig und andere falsch sind. Welcher Begriff wann der richtige war – das hatte niemand im Kurs behalten können und ich hatte danach für lange Zeit ein mulmiges Gefühl, wenn ich eins der Wörter verwenden wollte. Mythos 7: Je mehr Kontext, desto besser
Stimmt – fast immer. Kontext, zum Beispiel ein vollständiger Satz anstelle einer isolierten Vokabel, ist wichtig, um das Wort korrekt zu verwenden. Kontext hilft auch beim Verstehen, weil sich die Bedeutung vieler Wörter erschließen lässt. Allerdings kann ein zu informativer Kontext bei Lernen neuer Vokabeln auch hinderlich sein: Studien zeigen, dass es das Lernen neuer Wortformen erschwert, wenn der Kontext so informativ ist, dass die Vokabel vollständig erschlossen werden kann. Für die Praxis bedeutet das: Beispielsätze sollten zwar die Vokabeln sprachlich einbetten, aber nicht zu viele Informationen über die Bedeutung der Vokabeln enthalten. Also nicht: „Rot ist die Farbe von Blut.“ sondern eher „Mein neuer Pullover ist rot.“ Lesetipp Einige dieser sowie weitere Vokabellern-Mythen werden hier und hier vorgestellt und wissenschaftlich bewertet.   Beitragsbild: Emiliano Vittoriosi on Unsplash

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