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31.03.2020 - wortschatz-blog.de

Individuelles Feedback bei Tests

Gerd Altmann | Pixabay Wie individuelle Rückmeldungen bei Tests nachhaltiges Lernen fördern können
Die Verfügbarkeit kommunikativer Mittel zählt zu den wichtigsten Kompetenzen im modernen Fremdsprachenunterricht. So steht es in den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz. Ob die Schüler*innen grammatische Strukturen und Wortschatz auch wirklich beherrschen, wird neben den schriftlichen Leistungskontrollen auch in Tests überprüft. In Klausuren und Klassenarbeiten sind individuelle und detaillierte Rückmeldungen über die erbrachte Leistung mit Bewertungsrastern schon üblich. Bei Tests hingegen beschränkt sich die Rückmeldung viel zu oft auf richtig oder falsch. Das spart Zeit, aber man verschenkt wertvolle Ressourcen. Es lohnt sich auch bei Tests, den Schüler*innen ein konstruktives Feedback und damit auch eine Rückmeldung zum eigenen Lernstand zu geben. Ein Beispiel aus der Praxis
Im Englischunterricht der fünften Klasse wird das Thema „Wetter“ mit dem dazugehörigen Wortschatz behandelt. Um zu überprüfen, ob die Schüler*innen sich korrekt in der Zielsprache auszudrücken können, gebe ich lediglich einen Bildimpuls vor mit dem Arbeitsauftrag, einen passenden englischen Satz zu bilden. [caption id="attachment_4354" align="aligncenter" width="450"] Arbeitsauftrag: Englische Sätze über das Wetter bilden[/caption] Meistens markieren Lehrkräfte bei der Korrektur die Fehler rot und erläutern sie mit Korrekturzeichen, zum Beispiel  R = Rechtschreibung oder G = Grammatik. Die eine oder andere Lehrkraft mag noch eine Positivkorrektur vornehmen, also noch die richtige Lösung dazu schreiben. Die Tests werden dann einmal mit dem Sitznachbarn oder der besten Freundin verglichen und landen im Schulranzen. Doch dieses Lernen „nur für den Test“ ist aus meiner Sicht kein nachhaltiges Lernen. Das kann sich aber durch ein individuelles und zielgerichtetes Feedback ändern. Wie kann ein konstruktives Feedback aussehen?
Als individuelle Rückmeldung kann schon ein Feld mit Schreiblinien genügen, in dem man handschriftlich einträgt, was der Lernende schon beherrscht und in welchen Bereichen er noch üben muss. Aber im Sinne einer zeiteffektiven Vorbereitung rate ich zu einem vorgefertigten Raster. [caption id="attachment_4356" align="aligncenter" width="450"] So könnte ein einfaches Feedback-Raster aussehen[/caption] Weitere Ideen für Kompetenzraster finden sich zum Beispiel im Buch „Leistungsmessung und -bewertung“ aus dem Cornelsen-Verlag. Die Vorteile
Dieses Raster schafft zum einen Transparenz über die zu erreichenden Kompetenzen, zum anderen ist es trotz knapper Zeit beim Korrigieren möglich, ein individuelles Feedback zu geben. Gerade die letzten zwei Zeilen der Tabelle sind aus meiner Sicht entscheidend. Individuelle Lernfortschritte können hier vermerkt werden. Indem man den Fokus nicht nur auf die Defizite legt, sondern die Fähigkeiten des Lernenden betont, werden das Selbstbewusstsein und die Lernmotivation in der Fremdsprache gestärkt. Natürlich reicht das allein nicht, damit sich die Schüler*innen verbessern. Als Lehrkraft sollte man den Lernenden zusätzliche Tipps für Übungsstrategien und Lerntechniken sowie individuelle Lernmaterialien zu Verfügung stellen. Auch die Bildungspläne fordern kompetenzorientierte Rückmeldungen. So steht es zum Beispiel im niedersächsischen „Kerncurriculum für das Gymnasium, Schuljahrgänge 5-10“:  „Um die Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler zu fördern, stellt die Lehrkraft ein hohes Maß an Transparenz über die zu erreichenden Kompetenzniveaus, die Verbesserungsmöglichkeiten und die Bewertungsmaßstäbe her. Individuelle Lernfortschritte werden wahrgenommen und den Lernenden regelmäßig zurückgespiegelt.“ Bei selbstständigen bzw. älteren Schüler*innen lohnt es sich, sie selbst die Felder mit den Verbesserungen und Übungsstrategien ausfüllen zu lassen. So werden sie aktiv in den Lernprozess eingebunden. Außerdem wissen sie häufig schon, wie sie passend zu ihrem Lerntyp zum Beispiel Vokabeln lernen. Bei Problemen oder Fragen wird die Lehrkraft zum „Lernbegleiter“, indem sie Tipps zu weiteren Lernstrategien oder Übungen geben kann. Die Verwendung im Unterricht
Zwar werden Tests nicht bewertet. Doch sind sie oft ein wichtiger Indikator für die anstehenden schriftlichen Leistungskontrollen. Daher sollten die Tests nicht nur im Schulranzen ihr Dasein fristen, sondern auch konstruktiv für die Vorbereitung genutzt werden. Als Vorbereitung im Unterricht wäre es möglich, alle Tests einmal mit folgenden Fragestellungen durchzuarbeiten: Habe ich alle Rückmeldungen zu den Tests sorgfältig durchgelesen bzw. bearbeitet? Habe ich alle Übungen erledigt? Beherrsche ich den benötigten Wortschatz? Gibt es noch offene Fragen, die sich aus meinen Tests ergeben? Die Schüler*innen haben dann in der Stunde Zeit, selbstständig Lücken in Grammatik oder Wortschatz zu schließen, Fragen zu klären und mit einem Partner zu üben. Hierfür sollte die Lehrkraft noch weiteres Material mit der Möglichkeit zur Selbstkontrolle bereitstellen, um genügend Zeit für die Klärung von Fragen zu haben. So können Tests nachhaltig für alle wirken!   Beitragsbild: Gerd Altmann | Pixabay

02.03.2020 - wortschatz-blog.de

All American Boys

Fibonacci Blue, CC BYLiteraturanalyse im 13. Jahrgang mal anders
Wenn man am beruflichen Gymnasium, insbesondere in einem Kurs mit erhöhtem Anforderungsniveau im 13. Jahrgang, im Englischunterricht Bücher liest, geht es in der Regel um Stilmittelanalyse. Welche werden verwendet und welche Wirkung haben sie auf den Leser? Da ich dies mit meinem Kurs schon gemacht habe und es ihnen nicht besonders viel Spaß gemacht hat, wollte ich ihnen Literatur nochmal anders nahebringen. Dafür habe ich mich für „All American Boys“ von Jason Reynolds und Brendan Kiely aus dem Klett Verlag entschieden. Darum geht es bei „All American Boys“
Der Roman handelt von zwei amerikanischen Jugendlichen: ein Afroamerikaner – Rashad – und ein Weißer – Quinn. Sieben Tage werden jeweils aus der Sicht von Rashad und Quinn geschildert. Gleich zu Beginn wird Rashad in einem Kiosk des Diebstahls beschuldigt und von dem gerufenen Polizisten auf der Straße brutal zusammengeschlagen. Quinn sieht dies durch Zufall von weitem. Er ist seit Jahren sehr freundschaftlich mit dem Polizisten verbunden. Der Vorfall erschüttert ihn zutiefst und er weiß lange nicht, wie er damit umgehen soll. Rashad schildert seine Verarbeitung des Vorfalls aus dem Krankenhaus. Das Buch stellt zwar ein gewisses Maß an Vokabelhilfe am Ende jeder Seite, jedoch haben alle meine Schülerinnen und Schüler nach eigener Aussage das EX-word während des Lesens parat gehabt und darin unbekannte Vokabeln nachgeschlagen. „All American Boys“ behandelt brandaktuelle Themen und Ereignisse, wie sie jederzeit – insbesondere in den USA – passieren können. Daher können sich die Schülerinnen und Schüler sehr gut auf den Inhalt einlassen. Angesprochene Themenbereiche für Wortschatzarbeit
In dem Buch werden zahlreiche Themenbereiche angesprochen: Polizeigewalt, Kriminalität, Rassismus, Demonstrationen, Freundschaft, Familie und auch Liebe. Deshalb eignet es sich – meiner Meinung nach – ziemlich gut für Wortschatzarbeit mit dem EX-word. Hier kann man sich überlegen, ob man alle Themenbereiche arbeitsteilig in der Klasse aufbereiten lassen will oder ob man sich auf einen Themenbereich konzentriert. Ich habe es zum einen von der Größe meines Kurses und zum anderen vom Interesse der Jugendlichen abhängig gemacht. Es sind nur 13 Schülerinnen und Schüler und alle wollten sich gerne mit dem Themenbereich Polizeigewalt näher beschäftigen. Beispiel Polizeigewalt
Da sich alle für einen gemeinsamen Themenbereich entschieden haben, haben wir zu Beginn gesammelt, was sie daran interessiert. Herausgekommen sind die folgenden Schwerpunkte: Ausbildung von Polizisten in den USA und Deutschland Das Waffengesetz in den USA und Deutschland Polizeigewalt in den USA und Deutschland (Vorkommen und Hintergründe) Anhand dieser Unterthemen kann man schon erahnen, dass das EX-word viel zum Einsatz gekommen ist – schließlich handelt es sich nicht um einen ganz alltäglichen Wortschatz. Die Schülerinnen und Schüler haben viel Internetrecherche, Mediationsarbeit und Wortschatzarbeit geleistet! Teilweise sind wir bei den Unterthemen arbeitsteilig vorgegangen, teilweise haben wir uns ein Thema gemeinsam angeschaut. Als es um das Thema Polizeiausbildung ging, hat sich eine Schülergruppe mit den deutschen und eine Schülergruppe mit den amerikanischen Ausbildungswegen beschäftigt. Hierzu haben die Schülerinnen und Schüler dann Mindmaps im Plenum an der Tafel erarbeitet und darauf geachtet, dass das neue Vokabular auftaucht. Das Waffengesetz in den USA haben wir im Plenum gemeinsam durchgegesprochen und das Vokabular angeschaut. Nach der Betrachtung des deutschen Waffengesetzes haben die Schülerinnen und Schüler in Partnerarbeit diese Informationen in einen englischen Text gefasst – er sollte wirken wie ein englischer Gesetzestext. Das fanden alle Jugendlichen schwer! Beim Thema Polizeigewalt sind wir wieder arbeitsteilig vorgegangen. Es wurden Statistiken und Berichte herausgesucht und analysiert. Aus diesen Informationen haben die Schülerinnen und Schüler dann einen eigenen, zusammenfassenden Bericht für die USA bzw. für Deutschland erstellt. Vereinzelt konnte ich das Begleitheft zu Hilfe nehmen (z.B. für ein „police investigation role-play“ oder einen Mediationstext für die Klassenarbeit). Im laufenden Unterricht sind die Schülerinnen und Schüler auch ab und zu in andere Themenbereiche (z.B. Rassismus und Demonstrationen) abgedriftet. Aber das fand ich gar nicht schlimm, solange es der Wortschatzerweiterung diente. Fazit
Es wurde sehr viel gearbeitet, diskutiert und das EX-word glühte im Unterricht. Was will man als Fremdsprachenlehrerin mehr? Mein Kurs war total motiviert, alle arbeiten sehr gerne mit ihrem EX-word und ihr Wortschatz hat sich deutlich erweitert, wie ich mit Freude in der Klassenarbeit feststellen konnte. Habt Ihr eventuell noch andere Buchtipps für mich, mit denen man Ähnliches machen könnte? Stilmittelanalyse ist ja gut und schön und wichtig, aber Wortschatzarbeit und den Spaß an Literatur finde ich genauso wichtig. Von daher bin ich auf Eure Tipps gespannt. Beitragsbild: Fibonacci Blue / CC BY

19.12.2019 - wortschatz-blog.de

Wörterbücher in der Lehrerausbildung und im Alltag

Wann mir das EX-word zum ersten Mal über den Weg lief
Ich habe nun schon ein paar Blogbeiträge geschrieben. Aber wann ist mir eigentlich das erste Mal ein EX-word, also ein elektronisches Wörterbuch, über den Weg gelaufen? Anfangs dachte ich, dass es an meiner ehemaligen Schule in Buxtehude gewesen sei. Das stimmt aber gar nicht! 😊 Wortschatz und Wörterbuch im Studium
Alle Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer kennen die Pflichtseminare im Bereich der Fremdsprache aus dem Studium. Die werden wohl an allen deutschen Universitäten ähnlich sein. Von Didaktik bis Phonetik und bei mir als Diplom-Handelslehrerin dann auch noch Wirtschaftsenglisch. Ich habe in Hamburg studiert und bin immer mit dem Zug gependelt, da ich 40 Kilometer außerhalb wohnte.  Eine Zeitlang haben wir auch immer mal Wörterbücher mitbringen müssen. Wie hat mich dieses Tragen des „Langenscheidt-Schinkens“ aus meiner Abiturzeit genervt! Ich erinnere mich noch gut an einen Tag im Dezember 2006. Ich war mit meinen Unterlagen für drei Vorlesungen/Seminaren unterwegs, meinem Essen inkl. Wasserflache und Kaffeebecher (die Mensa war echt irgendwann nicht mehr lecker) und dem Wörterbuch. Also ein Rucksack und zwei Taschen – und das mit dem Zug und der S-Bahn im Winter bei Eisregen. Eine wahre Freude! Aber es war notwendig und auch gefordert. Unser Wortschatz wurde ja auch im Studium in sämtliche Bereiche (Wirtschaft, Methodik etc.) erweitert, für intensive Wortschatzarbeit war deshalb ein dickes Wörterbuch unerlässlich. Eine Mitstudentin hatte tatsächlich damals in einem Wirtschaftsenglisch-Seminar schon ein EX-word dabei, anstatt des dicken, schweren Papierwörterbuches. Das war ungefähr 2007. Sie war allerdings die Einzige und komischerweise ist mir der Gedanke gar nicht gekommen, mir selbst so ein kleines Gerät zu kaufen. Sie durfte es in den Seminaren benutzen, aber es gab auch keinerlei Kommentar oder Empfehlung durch die Dozentin dazu. Eine solche Empfehlung hätte mich wahrscheinlich animiert. Dann hätte ich mich damit auseinandergesetzt und die Funktionen kennen gelernt. Der Vorteil ist ja nicht nur, dass man sich das Geschleppe ersparen kann. Man ist ja auch viel schneller und zielgerichteter beim Suchen. Außerdem hat das EX-word noch weitere Funktionen. Man kann Redewendungen nachschlagen, sich Beispielsätze angucken – mein Lieblingsfunktion für Schülerinnen und Schüler! Man kann ein Wort finden, selbst wenn man nicht genau weiß, wie es geschrieben wird, und durch die „Sprung-Taste“ ein Wort in gleich mehreren Sprachen nachschlagen. Wörterbuch im Referendariat
Auch an meiner Ausbildungsschule in Hamburg bin ich mit dem EX-word leider gar nicht in Berührung gekommen. Es wurde traditionell mit dem Papierwörterbuch gearbeitet und sie wurden hin- und hergeschleppt. Vor den Klassenarbeiten mussten Schüler*innen organisiert werden, die sich bereit erklären, die Wörterbücher zu holen. Danach mussten wieder welche gefunden werden, um sie zurückzubringen. Vor Abschlussprüfungen habe ich das eh selbst übernommen, weil alles schon am Tag zuvor vorbereitet wurde. Das ist unnötig, kostet Zeit, Nerven und Muskelkraft! Da ich überwiegend bei den Schifffahrtskaufleuten unterrichtet habe – eine sehr internationale Branche – wäre hier das EX-word wirklich gut aufgehoben gewesen. Alle Azubis hätten die Geräte auch in ihren Betrieben bei internationaler Kommunikation verwenden können. In den EX-word-Geräten sind ja die gängigen zweisprachigen und einsprachigen Wörterbücher vorhanden und wenn man ehrlich ist – ja noch viel mehr! In dem normalen Schülergerät haben wir Wörterbücher für Englisch, Französisch, Spanisch, Latein, die deutsche Rechtschreibung und ein Fremdwörterbuch. Es lohnt sich also für gleich mehrere Fächer und auch wirklich für internationale Kommunikation! Wünsche für die Zukunft aus meiner Erfahrung
Nach dem Referendariat bin ich dann in Buxtehude an der Berufsbildenden Schule gelandet. Kurz nach meinem Einstieg wurde das EX-Word verbindlich im Beruflichen Gymnasium und in der Fachoberschule eingeführt. Eine wirkliche Bereicherung in sämtlichen Bereichen! Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass dieses Geschleppe des Papierwörterbuches für alle: Schüler*innen, Studierende, Lehrkräfte, Professorinnen und Professoren ein Ende findet. Alle müssen immer mal wieder ein Wort nachschlagen, auch wenn wir noch so gut in der Fremdsprache sind. Ich freue mich jeden Tag über mein EX-word und hoffe, dass bald alle davon profitieren können. Wann ist euch eigentlich das EX-word das erste Mal über den Weg gelaufen? Hat es auch so lange gedauert wie bei mir? Ich freue mich über eure Berichte!

28.11.2019 - wortschatz-blog.de

The Truth about Immigration?

motortion | Adobe StockDie TV-Doku wirkte zunächst ausgewogen. Aber die Wortwahl zeigte: Sie ist vor allem geeignet, um zu zeigen, wie man politische Agenda des Filmemachers erkennt. 2015 recherchierte ich für die Arbeit mit einem Oberstufenkurs Dokumentationen zum Thema “Immigration”. Die Quelle sollte vertrauenswürdig und englischsprachig sein. Ein einstündiger Beitrag der BBC, der weltweit größten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, erschien mir passend. Stutzig machte mich allerdings der Titel der Dokumentation: “The Truth about Immigration”. Bei der Behauptung “The Truth about ...” schrillen wohl bei vielen die Alarmglocken. Wer maßt es sich schon an, die (eine) Wahrheit über ein Thema darlegen zu können? Scheinbar ausgewogenes Pro und Kontra
Ich schaute die Dokumentation an und bekam im Intro den Eindruck, es ginge darum, Immigration sowohl als Herausforderung als auch als Chance zu betrachten und von beiden Seiten gleichermaßen zu beleuchten. Das sollte wohl auch den Ausdruck “Truth” rechtfertigen. Beim Zuhören sammelte ich die benannten Chancen und Herausforderungen von Immigration und formulierte das Zusammensuchen von Argumenten für beide Richtungen als Aufgabe für die Schüler*innen meines Kurses. Tatsächlich: Die genannten Chancen und Herausforderungen schienen zahlenmäßig gleichmäßig verteilt. Als Chance wurde insbesondere genannt, dass die Wirtschaft von Arbeitskräften aus dem Ausland profitierte und vor allem Arbeiten vergeben werden konnten, die britische Arbeitnehmer*innen ablehnten. Als Herausforderung wurde benannt, dass unterschiedliche Kulturen aufeinandertrafen und die Veränderungen im Land schnell vonstatten gingen. Auf der Inhaltsebene konnte man von einer in etwa ausgewogenen Dokumentation ausgehen. Die populistische Wortwahl verrät die Haltung des Filmemachers
Dennoch hatte ich ein skeptisches Gefühl der Dokumentation gegenüber, konnte aber damals nicht genau benennen, woher es kam. Ein Jahr später schaute ich die Dokumentation erneut an: Welche Worte werden hier eigentlich benutzt, um die oben beschriebenen Inhalte zu vermitteln? Ich schrieb auffällige Schlagworte auf: Anxiety, invasion, panics, mass immigration, antisocial behaviour, rubbish, being taken over, culture clash, demonization, wave of immigration, annual inflow of some 50,000 dependents, a nation heaping up its own funeral pyre, political explosion, swamped by people of a different culture, level of migration has been too high, segregation, ghettoization, multitudes of people, tide of people, crowded island, overcrowded, full to bursting, the city has absorbed immigrants for centuries, benefit takers, waves of people, competitors for new jobs, public anxiety, wishful thinking, miscalculation, welcoming the East, numbers mounted, completely catastrophic, (they thought) their job was at risk, (they thought) wages were undercut, inflation, fear of racism, immigration tinderbox, irreversible, absorbing immigrants ... Dies sind nur einige der Begriffe, die zeigen, dass die verwendete Rhetorik der Wortwahl von Populisten entspricht. Angstmache und „Katastrophisierung“ sind führende Motive. Selbst in positiven Aussagen werden nur negativ konnotierte Begriffe verwendet: “We would be shooting ourselves in the foot, if we restricted one of the main sources of growth which is to allow migrants in who are innovative and who bring skills we wouldn't otherwise have got.” Im ersten Jahr hatte ich es unterlassen, die Wortebene mit den Schüler*innen zu untersuchen und zu zeigen: Auch wenn beim Inhalt Ausgewogenheit suggeriert wird, sind die Begriffe doch so gewählt, dass sie bei den Zuschauer*innen nahezu ausschließlich negative Gefühle zum Thema Immigration wecken. Menschen, die einwandern, werden in fast allen Formulierungen entmenschlicht und als Nummern, Wellen, Feuer- und Explosionsherde, Invasoren, Massen, Flüsse, Sümpfe und Fluten beschrieben – kurzum: Naturkatastrophen, die es zu verhindern oder höchstens aus Vernunftgründen zu tolerieren gilt. Ausgrenzung und Angstmacherei in Wort, Bild und Ton
Wenn die Schüler*innen diese entmenschlichende Rhetorik erkennen, können sie sie auch in Videos, die ihnen heute in ihren Social Media-Kanälen zugesandt werden, bemerken und reflektieren. Ergänzend können sie auch die nichtverbalen Elemente der audiovisuellen Quelle untersuchen: Welche Wirkung haben die gezeigten Bilder? Welche Menschen wurden ausgewählt und wer kommt nicht zu Wort? Welche Themen werden ausgeklammert? Gibt es auch Bilder, die Personen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam in positiven Kontexten zeigen? Gibt es Bilder von Migrant*innen, die an Universitäten, in Krankenhäusern, in Firmen und Bibliotheken arbeiten? Wie wird Musik genutzt, um eine apokalyptische Stimmung hervorzurufen und das Adrenalin des Zuschauers auf Höchststand zu halten? Was zeigt es uns, dass die wenigen Momente, die mit entspannter, leichter Musik unterlegt sind, die “urbritischen” Veranstaltungen mit Zuchtpferden und -hunden sind, bei denen kaum Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher kultureller oder finanzieller Herkunft beteiligt sind? In einem neuen Unterrichtsansatz wird die Dokumentation auf diese Gesichtspunkte hin untersucht: Argumente, Bildwahl, Menschen, die zu Wort kommen, Musikunterlegung und vor allem Wortwahl. Das Thema Immigration verdient, dass Schüler*innen lernen, genau hinzuschauen und Quellen kritisch zu hinterfragen. Wer ist der Autor, Nick Robinson? Wo ist sein politisches Zuhause? Und wie konnte ein Fernsehbeitrag wie “The Truth About Immigration” (2014) ein politisches Klima mitbeeinflussen, in dem 2016 der Brexit möglich wurde? Einstieg: eine Dokumentation über „Immigration“ planen
Als Einstieg sind wir die Frage angegangen, wie eine Dokumentation gestaltet werden kann, die sich mit allen Aspekten des multikulturellen Zusammenlebens beschäftigt. Wenn die Schüler*innen eine Dokumentation mit dem Titel „The Truth about Immigration“ filmen würden: Wie würde diese aussehen? Wen würden sie befragen, wenn sie die Regisseur*innen wären? An welche Drehorte würden sie fahren? Welche Bilder würden sie zeigen wollen? Mit welcher Musik diese unterlegen? Und vor allem: Welche Begriffe würden sie verwenden, um über Menschen zu sprechen, die aus einem anderen Land gekommen sind und nun in der neuen Heimat ein Leben aufbauen? Welche Begriffe und Vergleiche würden sie auf jeden Fall vermeiden wollen? Hierzu können alle Schüler*innen alle Fragen beantworten oder sich jeweils auf eine Frage konzentrieren. Gemeinsam sammeln die Jugendlichen an Dokumentenkamera oder Whiteboard die Ideen für ihre eigene Dokumentation. So entsteht vor dem Anschauen ein Bild, wie eine Dokumentation aussehen könnte. Die Fragen dieser ersten Aufgabe können auch während des Anschauens als Beobachtungsfragen dienen. Nach dem Schauen besprechen die Schüler*innen ihre eigene Vorstellung einer ausgewogenen Dokumentation und die Aspekte der BBC-Dokumentation und stellen (hoffentlich) fest: die Kraft von Worten mit starken Konnotationen ist nicht zu unterschätzen.

EX-word Videos